Leitartikel: Mit Franziskus Europa erneuern

Von Stephan Baier

Stephan Baier. Foto: DT
Stephan Baier. Foto: DT

Nein, Papst Franziskus hat in seinen zwei großen Reden in Straßburg keine politische Betriebsanleitung für das vereinte Europa von heute vorgelegt. Aber er hat eine messerscharfe Diagnose vorgenommen und seine Vision für ein Europa von morgen skizziert. Und zwar exakt jene Vision, die auch seine Vorgänger predigten und die einst die (interessanterweise allesamt katholischen) Gründerväter der europäischen Einigung stark inspirierte. Nüchtern wie ein Arzt legte der Papst die Krankheiten des alten Erdteils offen: Europa wirke heute müde, alt, verängstigt und in sich selbst verkrümmt, nicht mehr fruchtbar und lebendig, sondern pessimistisch und verletzt. Das führt zum Vertrauensverlust seiner Bürger, aber auch dazu, dass Europa seine inneren wie die globalen Herausforderungen nicht bewältigen kann. Nicht politisch-polemisch, sondern fürsorglich und analytisch benannte Franziskus, woran Europa abseits tagespolitischer Grabenkämpfe krankt. Vor allem an einer rein individualistischen Fehlinterpretation des Menschen, seiner Würde und seiner Rechte. Deshalb würden Menschen wie Objekte behandelt, der „Wegwerf-Kultur“ unterworfen, zum Rädchen in der Maschine degradiert. Dass der Papst in diesem Zusammenhang auch die „Kinder, die vor der Geburt getötet werden“, die Alten und Kranken, die „geeinte, fruchtbare und unauflösliche Familie“ erwähnte, das sollten die dem Papst frenetisch applaudierenden Europaabgeordneten bei ihren nächsten gesellschaftspolitischen Beratungen und Abstimmungen nicht vergessen.

Franziskus sprach in Straßburg über die Herausforderungen der Migration, des Umweltschutzes, der Erziehung und des Hungers in der Welt. Aber alle Einzelthemen stellte er in den großen Kontext einer Neuausrichtung der Politik, gipfelnd in dem Appell, „gemeinsam das Europa aufzubauen, das sich nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person“. In dieser Neuausrichtung auf den Menschen und seine Würde entdeckt Europa erst seine Identität, seine Seele und seine Sendung in der Welt – davon sprach bereits Johannes Paul II., und davon zeigte sich nun auch Franziskus überzeugt. Vor dem Europäischen Parlament wie im Europarat bot Franziskus dabei nachdrücklich die Mitarbeit der Kirche an, ja die Schaffung einer „neuen Agora“, in der zivile und religiöse Kräfte bei der Suche nach der Wahrheit und beim Aufbau des Gemeinwohls zusammenarbeiten. Damit weist der Papst das aus der Französischen Revolution geborene Verständnis von Laizität zurück, das auf EU-Ebene seit Jahrzehnten immer mehr Raum greift: Es will die Religion völlig aus der Politik verbannen und ganz auf den Bereich privater Frömmigkeit begrenzen.

Als erster außer-europäischer Papst der Neuzeit trägt Franziskus die unveränderte Vision der Päpste von Europa in unserem Zeitalter der Globalisierung umso glaubwürdiger vor. Als Lateinamerikaner kennt er die Schattenseiten einer Globalisierung, die im Zeichen von Egoismus, Dominanz und „Wegwerf-Kultur“ steht, deren „Systeme finanzieller Macht im Dienst von unbekannten Imperien“ er nun brandmarkte, und deren Häresien er vor dem Europäischen Parlament beim Namen nannte. Der Papst „vom anderen Ende der Welt“ wünscht hier einen aktiven Beitrag Europas, dem er noch immer zutraut, „ein kostbarer Bezugspunkt für die gesamte Menschheit“ zu werden.