Leitartikel: Mit Christus Ostern feiern

Von Stefan Rehder

Stefan Rehder
Stefan Rehder. Foto: DT
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Stefan Rehder. Foto: DT

In einer Welt voller schlechter Nachrichten haben es die guten schwer. Das gilt sogar für die Frohe Botschaft schlechthin. Selbst in einer Woche wie dieser, in welcher die Kirche nahezu überall auf der Welt in beinah ausschweifender Ausführlichkeit feierlich das begeht, was genau genommen in der Feier jeder heiligen Messe in konzentrierter Form gegenwärtig gesetzt wird – nämlich die Versöhnung des Menschengeschlechts mit Gott durch das stellvertretende Opfer des Mensch gewordenen Gottessohnes selbst –, droht das Geschenk unserer unverdienten Erlösung im Lärm des Alltags einfach unterzugehen. Und weil diese Gefahr eine ist, die nicht erst für die Welt unserer Tage gilt, bereiten sich die Gläubigen seit jeher ganze vierzig Tage lang in besonderer Weise auf die Feier dieser einen „heiligen Woche“, wie die Karwoche mitunter auch genannt wird, vor. Das den Gläubigen empfohlene vermehrte Gebet, das Fasten, das Geben von Almosen sowie die Verrichtung anderer guter Werke; kurz, all das, um was sich Christen in dieser Zeit besonders bemühen, verfolgt letztlich ein Ziel, nämlich unseren Geist und unser Herz für die rechte Mitfeier dieser einen heiligen Woche in geeigneter Weise zu bereiten.

Viele Gegner, aber auch manche Befürworter halten den christlichen Glauben vor allem oder gar ausschließlich für ein Regelwerk. Eines, das eine geradezu peinliche Beachtung verlange und die, je nachdem wie sie ausfällt, am Ende entweder mit dem ewigen Leben belohnt oder der ewigen Verdammnis bestraft wird. Doch das ist, wie die Päpste – und keineswegs erst seit Franziskus – nicht müde wurden zu betonen, falsch. Denn der christliche Glaube ist in erster Linie das Leben in Beziehungen. Nämlich jenen, mit denen die Menschen auf die antworten, die der dreifaltige Gott zu ihnen unterhält. Deswegen konnte etwa Papst Benedikt XVI. behaupten, es gebe so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gebe. Das ist ebenso wenig wie das berühmte Zitat des heiligen Augustinus – „Liebe, und tue was du willst“ – eine Absage an die Verbindlichkeit göttlicher Gebote und kirchlicher Normen, enthüllt aber ihren wahren Charakter und eigentlichen Sinn. Die göttlichen Gebote sollen ebenso wie die kirchlichen Normen dem Menschen helfen, seine Beziehung zu Gott, die immer nur eine Antwort auf die unerschöpfliche Liebe Gottes zu ihm selbst sein kann, in rechter Weise zu gestalten. Sie sind gewissermaßen die Leitplanken, die verhindern sollen, dass der in seiner Natur verwundete und daher zur Sünde neigende Mensch von dem Weg, der am Ende zu einem Leben der Gemeinschaft mit der göttlichen Dreifaltigkeit selbst führt, abkommt und sich – im schlimmsten Falle gar heillos – verirrt.

Die Mitfeier der Karwoche, zu der die Kirche die Christen einlädt, ist eine hervorragende Möglichkeit, auf diesem Weg ein gutes Stück voranzukommen. Wir können uns mit Christus in den Abendsmahlsaal begeben und dabei sein, wie er den Aposteln die Füße wäscht und die Eucharistie einsetzt. Wir können mit ihm auf den Ölberg gehen und im Garten Getsemani mit ihm wachen und beten. Wir können ihn in den Palast des Pilatus und auf seinem Kreuzweg begleiten. Wir können uns zusammen mit Maria und dem heiligen Johannes unter das Kreuz stellen. Ja, in gewisser Weise können wir sogar mit ihm sterben und auferstehen. Wir können wahrhaft Ostern feiern oder auch „nur“ die Gottesdienstordnung einhalten und die kirchlichen Normen befolgen. Es liegt allein an uns oder – noch genauer – daran, was uns an Jesus Christus liegt.