Leitartikel: Merkel und der Islam

Von Markus Reder

Markus Reder. Foto: DT
Markus Reder. Foto: DT

Es ist die Neuauflage einer Diskussion, allerdings unter verschärften Bedingungen. Als Bundespräsident Wulff seinerzeit davon sprach, dass der Islam zu Deutschland gehöre, hatte es zuvor weder ein islamistisches Blutbad in Paris gegeben, noch existierte eine Pediga-Bewegung. Unter diesen Vorzeichen hat nun auch Angela Merkel gesagt, der Islam gehöre zu Deutschland. Das sorgt für Kontroversen. Dabei ist der Islam zweifellos ein Teil Deutschlands. Ganz offensichtlich gehören Muslime zur Lebenswirklichkeit dieses Landes. Ob Dönermann, Fußballnationalspieler oder Unfallchirurg: Muslime sind unverkennbar Teil dieses Landes. Grob falsch wird diese Feststellung aber dann, wenn daraus eine Wertung wird, die Christentum, Judentum und Islam in ihrer Bedeutung für die Gesellschaft für weitgehend unterschiedslos erklärt. Denn der Islam gehört nicht zur kulturellen Identität Europas. Er ist nicht Teil jenes geistig-kulturellen Erbes, das Europa prägte und noch immer prägt, auch wenn einem die kulturelle Selbstvergessenheit des Kontinents inzwischen arge Sorgen machen kann.

Beides muss man sehen: Die Lebenswirklichkeit und das kulturelle Wurzelwerk. Wer eines von beiden ausklammert, betreibt Realitätsverweigerung. Zur Wirklichkeit gehört die Mehrzahl friedliebender Muslime in Deutschland und anderen Teilen der Welt, die selbst Opfer der Barbareien der Islamisten sind und deren Gräueltaten für Blasphemie halten. Zur Wirklichkeit der islamischen Welt gehören aber auch Todesstrafen für Konvertiten, Missachtung der Würde der Frau, das Streben nach politischer Macht, Terrorzellen in Europa und unbeschreibliche Gräueltaten in Nigeria, Pakistan, Syrien oder dem Irak. Um eine differenzierte Betrachtungsweise kommt nicht herum, wer dem Thema Islam auch nur annähernd gerecht werden möchte. Auch die Angst vor einer schleichenden Islamisierung verlangt einen differenzierten Blick.

Diese Angst, die auch viele Christen umtreibt, ist Folge eines massiven Glaubensschwundes. Warum sollten Christen in Europa den Islam fürchten, wäre ihr Glaube lebendig? Doch ihr Glaube erodiert in bisher nicht gekanntem Ausmaß. Das sorgt für Verunsicherung. Eine echte Stärkung der eigenen Identität erfolgt aber nicht durch Ablehnung des Anderen, sondern durch Vertiefung und Verlebendigung des Eigenen. Insofern hat Angela Merkel Recht, wenn sie die Christen in Deutschland zur „Stärkung der eigenen Identität“ aufruft und feststellt, dass mit fortschreitender Säkularisierung die Kenntnisse über das Christentum immer mehr zu wünschen übrig lassen. Der Satz der Kanzlerin, „jeder sollte sich selbst fragen, was er zur Stärkung der eigenen Identität, zu der bei der Mehrheit immer auch noch die christliche Religion gehört, tun kann“, ist daher auch Anlass zur Gewissenserforschung. Wie setzen Christen ihre Prioritäten? Wieviel Zeit und Kraft fließt in Versuche, die eigene zunehmend instabile Identität durch angstvolle Defensive zu sichern? Und wo wird durch gelebten Glauben und kraftvolle Verkündigung tatsächlich ein Beitrag geleistet, christliche Identität zu stärken und Salz der Erde zu sein? Allein das bedeutet Zukunft.

Eine säkularisierte Gesellschaft, in der der christliche Glauben flöten geht, verliert mit der Zeit nicht nur ihre Humanität und den Respekt vor dem Andersdenkenden, sie verliert auch die Fähigkeit zum ernsthaften Dialog mit gläubigen Juden und Muslimen. Ohne eine Allianz der friedliebenden Gottgläubigen wird es aber keine vernünftige Antwort auf die entsetzliche „Pathologie der Religion“ geben, die sich im Terror islamistischer Fundamentalisten zeigt.