Leitartikel: Kräftemessen am Pazifik

Von Jürgen Liminski

Jürgen Liminski
Jürgen Liminski. Foto: DT

Nordkorea ist kein regionaler Konflikt. Die Atomkrise um den Verrückten von Pjöngjang betrifft die Welt. Und zwar nicht nur, weil Atomwaffen immer eine globale Dimension haben und ihre mögliche Anwendung eine Kettenreaktion ins Inferno auslösen können. Es geht auch immer um Politik im clausewitz'schen Sinn: Die Unterwerfung des Gegners unter den eigenen Willen. Das ist ja das Ziel von Gewalt und ihrer Androhung. Und deshalb wirft die jüngste UN-Resolution weltpolitische Fragen über das Verhältnis zwischen den drei Großmächten Amerika, Russland und China auf.

Erste Frage: Warum stimmten China und Russland dem amerikanischen Entwurf zu? Die Bedrohung durch Nordkorea ist relativ. China könnte ebenso wie Russland die nordkoreanischen Atomwaffen präventiv und ohne größere Mühe vernichten. Beide Länder verfügen über entsprechend massive und miniaturisierte Atomwaffen, um deren Anwendung physikalisch in Grenzen zu halten. Aber der psychologische Fallout wäre nicht kalkulierbar, weder politisch noch geographisch. Sowohl in Asien als auch in Europa, Afrika und den Amerikas würde sich jedes Friedensimage im Atompilz auflösen, Chinesen und Russen wären überall verfemt, die Welt würde sich hinter Donald Trump und dem amerikanischen Schutz versammeln. Andererseits verfügen China und Russland auch über Abwehrsysteme, die eine nordkoreanische Rakete noch in der Luft zerstören könnten. Nein, die beiden asiatischen Atommächte haben sich auf den Deal mit Washington eingelassen, um den Einfluss der USA in der Region einzudämmen. Und das vor den Augen der Welt. Vor allem China will demonstrieren, dass Peking verhandeln will und eine Friedens-, keine Kriegsmacht ist. Das ist vor allem jetzt, kurz vor dem Plenum der Vereinten Nationen Ende September, wichtig. In diesem Kontext sind wohl auch die jüngsten Avancen Russlands in der Ukraine-Krise und in Nahost zu sehen. Die UNO soll es richten, nicht ein Elefant im Weißen Haus.

Zweite Frage: Wie ist dem nordkoreanischen Diktator beizukommen? Gewiss, die Atomwaffe ist seine Lebensversicherung. Aber die militärische Stärke von Diktatoren ist auch immer ihre Schwäche, die Konzentration auf einen Kopf schafft Machtfülle, aber erhöht auch das Risiko. Der Tyrannenmord beendet die Diktatur. Das ist eine Frage der Zeit. Auch ist die Atomwaffe nicht unverwundbar. In Zeiten des Cyberkriegs könnte ein Wurm alles lahmlegen und das Regime zur Implosion bringen. Auch braucht das Regime Devisen und Energie, die Sanktionen setzen da an. Es wäre aber eine Illusion zu glauben, die verschärften Sanktionen könnten den Verrückten von Pjöngjang zu Fall oder gar zur Vernunft bringen. Das Volk wird noch mehr darben, der Schmuggel noch mehr aufblühen (eine echte Blockade haben Peking und Moskau verhindert).

In der Nordkorea-Krise spiegelt sich das Ringen um Einfluss im Pazifik. Der pazifische Raum ist ein entscheidendes Kräftefeld des 21. Jahrhunderts. Das wissen die Generäle, die in Washington mittlerweile an den Schalthebeln der Macht sitzen ebenso wie die ebenfalls geopolitisch denkenden Männer um Putin und in Peking. Sie alle haben Clausewitz im Kopf, die Europäer offenbar nicht mehr.

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