Leitartikel: Kontinent der Ungleichen

Von Richard Wagner

Richard Wagner. Foto: DT
Richard Wagner. Foto: DT

Der Ton der Medienberichte über die sogenannten EU-Krisenländer ist deutlich schärfer geworden. Besonders an Griechenland lässt man kein gutes Haar. Es ist, als hätte man unsere ewigen Urlaubsländer plötzlich ganz anders vor Augen. Was aber ist wirklich geschehen?

Jenseits des inflationären Geredes über Europa und seine Einheit kam es bereits in den 90er Jahren, dank der Möglichkeiten, die sich aus dem Ende des Kalten Kriegs ergaben, zu einer unerwarteten Beschleunigung bei der Umsetzung der wahrscheinlich längst verkitschten Europa-Idee. Verstärkt wurde der Vorgang noch dadurch, dass die Kerneuropäer die Gelegenheit sahen, den Amerikanern in größerem Umfang Konkurrenz machen zu können. Sozusagen, staatstragende Konkurrenz. Konkurrenten sind aber oft nur Kopiertalente. Selbst der Euro wurde nach dem Modell der US-Währung zusammengeschustert, von Sparkassendirektoren und Gelegenheitsministern. Er ist, entgegen aller Prophezeiungen, zu einem ziemlich erfolgreichen Projekt geworden, aber auch wenig verlässlich und zunehmend sorgenstiftend, gründet sein Bestand doch mehr auf Psychologie als auf dem Soll und Haben der Realwirtschaft. Zumindest für einige der Beteiligten.

Europa ist weiterhin der Kontinent der ungleichen Brüder. Man rechnet sich gerne gegenseitig was vor. Tatsache ist, dass einige der zur EU gehörenden Länder die Kriterien der Mitgliedschaft nicht erfüllen, und auch nie erfüllt haben. Für die Mitgliedschaft gibt es zwar klare Vorgaben, sie werden aber nicht angewandt. Es gibt wahrscheinlich kein einziges Land in der EU, das nicht in irgendeiner Form Sonderkonditionen hätte.

Für die Problematik gibt es wohl kaum eine Lösung, weder in Griechenland, noch in Spanien, wenn die Kostenlücke zwischen Leistung und Anspruch nicht auf Dauer geschlossen werden kann. Wie aber soll man in Spanien einsehen, dass es um ein strukturelles Problem geht, wenn das Land in einer ersten Phase nach dem Beitritt gerade vom Gefälle zur EU leben konnte? Der Fall zeigt, dass der Boom nicht automatisch zu einer Neuordnung der Ökonomie führt, sondern vor allem spekulatives Geld verbraucht.

Was Griechenland angeht, ist alles noch schwieriger. Das Land hat eine von Grund auf deformierte Gesellschaftsstruktur. Es ist nicht allein die Korruption, und es sind auch nicht nur die Machenschaften der Oberschicht, die das Ganze zu verantworten haben. Der Stillstand wird vielmehr hervorgerufen durch die Reduktion der gesamten Debatte auf den ethisch gleichgültigen Schlagabtausch zwischen einer staatsunwilligen Bevölkerung, die nicht im entferntesten daran denkt, ihre Steuern zu bezahlen, und der vormundschaftlichen Oberschicht, die die Bevölkerung als nicht reif für eine moderne Gesellschaft betrachtet. Bleibt die Frage: Wer bestreikt hier wen?

Europa lobt sich gerne mit seinem Pragmatismus. Hinter jeder praktischen Frage aber erscheint, zumal wenn sie sich als praktisch unlösbar erweisen sollte, umso größer die Sinnfrage. Europa kann nur als Ganzes bestehen, und damit es als Ganzes bestehen kann, werden, wie in jedem funktionierenden Mischkonzern, gelegentliche Transfers nötig. Diese Transfers aber können nur moralisch begründet werden.