Leitartikel: Kinder machen reich und arm

Kindermangel größtes gesellschaftliches Problem in Europa - Kinderreichtum für Paare größte wirtschaftliche Herausforderung. Von Stephan Baier

Stephan Baier ist Redakteur der "Tagespost"

Man kann sich, als Gedankenexperiment, auf den Standpunkt stellen, Kinder seien reines Privatvergnügen, ein Luxus, den sich manche Paare gönnen, während andere einen schicken Zweitwagen kaufen oder eine Weltreise buchen. Schließlich wird ja niemand gezwungen, Kinder zu bekommen. Aber wenn Kinderkriegen reines Privatvergnügen ist, wenn Elternschaft nichts mit der Gesellschaft zu tun hat, dann muss um der Gerechtigkeit willen auch die Alterssicherung privatisiert werden. Es kann nicht gerecht sein, die Kosten einer Angelegenheit (des Privatvergnügens Kinder) zu privatisieren, aber den Nutzen derselben zu sozialisieren. Wenn Eltern die „Aufzucht“ ihrer Kinder privat zahlen müssen, dann sollen die Kinder später auch nur die Alterssicherung ihrer Eltern zahlen. Kinderlose können ja auf anderen Wegen vorsorgen, etwa in Aktienpakete, Lebensversicherungen, Immobilien oder Sparbücher investieren.

Trotz aller Almosen, die Familien im Umverteilungs-Staat zufließen, belohnen Staat und Gesellschaft Individualismus und Kinderlosigkeit, behindern und bestrafen Familienbildung und Kinderreichtum. Solange Eltern sich selbst um die Erziehung, Versorgung und Ausbildung ihrer Kinder kümmern, ist das ihr Privatvergnügen. Wenn sie diese Arbeit aber delegieren, wird es für die öffentliche Hand teuer: Krippen, Kindergärten, Ganztagsschulen mit Nachmittagsbetreuung. Ebenso mit der viel verspotteten Hausarbeit: Die „Nur-Hausfrau“ wird vom Staat so behandelt als täte sie nichts. Die Arbeit im fremden Haushalt (als Köchin oder Putzfrau) wird als echte Arbeit gewertet, die im eigenen als Privatvergnügen. Die Erziehung und Betreuung fremder Kinder (als Tagesmutter, Kindergärtnerin, Lehrerin) wird als echte Arbeit gewertet, die der eigenen als Privatvergnügen.

Bei diesen Wertigkeiten ist es nicht nur vom gesellschaftlichen Prestige, sondern auch von den ökonomischen Rahmenbedingungen her naheliegend, Kinder rasch und umfassend an billigere Arbeitskräfte zu delegieren, um selbst einer außerfamiliären Erwerbsarbeit nachzugehen. Dadurch aber gerät ins Hintertreffen, worin der zentrale Wert der Erziehungsarbeit besteht, nämlich im Ziel, erwachsene und verantwortungsbewusste – nicht nur saubere und satte – Menschen heranzubilden. Eine Gesellschaft, die nicht an Kinderlosigkeit zugrunde gehen will, muss die Familien- und Erziehungsarbeit nicht nur anerkennen, sondern auch bezahlen. Statt die außerhäusliche Erwerbsarbeit zum eigentlichen Lebenszweck und zur Quelle persönlicher Sinnfindung zu erklären, sollten alle gesellschaftlichen Kräfte bestrebt sein, die Erziehungsarbeit in ihrer Komplexität und in ihrer sozialen Bedeutung anzuerkennen. In unserer materialistischen Gesellschaft funktioniert Anerkennung (nicht nur, aber auch) durch, aufgrund und in Form von Bezahlung.

Dabei geht es nicht um Sozialpolitik, sondern um Leistungsgerechtigkeit. Sozialpolitisch ist es lediglich geboten, dass der Staat jene unterstützt, die in eine Notlage geraten und deshalb solidarischer Hilfe bedürfen. Die Entlohnung der Erziehungsarbeit hat damit nichts zu tun. Hier geht es darum, Ungerechtigkeiten zu beseitigen und Chancengleichheit herzustellen. Statt Millionen in ein immer flächendeckenderes Netz von Kinderbetreuungseinrichtungen zu pumpen, sollte die öffentliche Hand dieses Geld lieber den Eltern in die Hand geben.

Dann hätten Mütter und Väter die freie Entscheidung, ob sie sich selbst hauptamtlich um Erziehung und Betreuung ihrer Kinder kümmern und das Geld vom Staat als Erziehungsgehalt einstecken, oder ob sie einer anderen Arbeit nachgehen und mit dem Geld eine von mehreren Kinderbetreuungs-Möglichkeiten finanzieren. Wenn junge Frauen nicht durch puren finanziellen Druck in die außerhäusliche Erwerbstätigkeit gezwungen werden, wird es auch mehr Bereitschaft zu Kinderphasen, und darum auch wieder mehr Kinder geben.

Angesichts einer durchschnittlichen Lebenserwartung von mehr als acht Jahrzehnten muss man die Frage stellen dürfen, warum Familie und Beruf unbedingt gleichzeitig vereinbart werden müssen. Wäre es nicht denkbar, Familien- und Erziehungsarbeit in einer Lebensphase den Vorrang zu geben, der außerhäuslichen Erwerbsarbeit und der Karriere in der nächsten?