Leitartikel: Im Bann der Glaubenskrise: Fuldaer Ergebnisse

Evangelisierung, „Amoris laetitia“ und das Reformationsgedenken standen auf der Agenda der deutschen Bischöfe. Von Regina Einig

Regina Einig. Foto: DT
Regina Einig. Foto: DT

Ohne ein Hirtenwort zum Papstschreiben „Amoris laetitia“ kehren die deutschen Bischöfe heim. An der allgemeinen Begeisterung (Seite 5) über den Text liegt es nicht. Mehr Hirten denn je haben die Vorschläge von Papst Franziskus als Bestätigung ihrer eigenen Seelsorge aufgefasst, doch erschweren die Interpretationsspielräume von „Amoris laetitia“ die Einmütigkeit innerhalb des Episkopats. Gerade die konkrete Auslegung sensibler Punkte fordert präzise Absprachen, wenn sie nicht im luftleeren Raum bleiben soll. Den Ansprüchen von Papst Franziskus an die Ehe- und Familienseelsorge umfassend Rechnung zu tragen, bedeutet jedenfalls zusätzliche Arbeit. Viele Pfarreien müssten in der Ehevorbereitung, Geschiedenenpastoral und Familienbegleitung ganz von vorn anfangen. Reibungen sind vorprogrammiert in Bistümern, in denen die Nerven wegen strapaziöser Strukturprozesse bereits blank liegen.

Nur die wenigsten rechnen ernsthaft mit intensiver Wahrnehmung oder gar Anerkennung für ein Hirtenwort, das die als „moderate Öffnung“ beschriebene Linie des Papstes widerspiegelt. Im Gegenteil: Mit einer konsequenten Umsetzung von „Amoris laetitia“ böte die Bischofskonferenz sowohl verweltlichten Katholiken als auch der entchristlichten Öffentlichkeit eine riesige Angriffsfläche. Beide lassen bei der Bewertung bischöflicher Richtlinien allenfalls noch das laxe Eheverständnis weiter Kreise des Protestantismus als Maßstab gelten. In puncto Schöpfungsordnung, gleichgeschlechtliche Beziehungen, Gender-Mainstreaming und wiederverheiratete Geschiedene können Katholiken der evangelischen Seite aber nicht folgen, auch nicht mit Berufung auf „Amoris laetitia“.

Nach konfliktreichen Jahren steht das Prinzip Einmütigkeit im Episkopat hoch im Kurs. Unter den Bischöfen macht sich ein gewisser Unmut darüber breit, kollektiv haften zu müssen. Etliche Getaufte begründen ihren Kirchenaustritt jedenfalls nicht mit dem Unbehagen an ihrer Ortskirche. Im freien Spiel der Affekte liefern sie sich ihrem Zorn über Vorfälle in anderen Bistümern aus. Wer Prügel für andere bezieht, neigt zur Vorsicht. In den Bistümern wächst der Wunsch, sich auf den eigenen Sprengel zu konzentrieren und die Kontrolle zu behalten.

Als Ausweg erscheint vielen Bischöfe das als Christusfest titulierte Reformationsgedenken 2017. Christen beider Konfessionen erhoffen sich davon mehr gesellschaftliche Akzeptanz für die Botschaft des Evangeliums. Das Faktum der Kirchenspaltung hintanzusetzen und kontroverstheologische Debatten zu meiden, um das Gemeinsame zu betonen, ist ein Gedanke, der im deutschen Episkopat zündet. Unterschiede in Bekenntnis und Lehre um des Gemeinschaftsgefühls unter Getauften willen zu verdrängen? So könnte das Lutherjahr zu einem ökumenischen Missverständnis werden. Schon jetzt stottert der Motor im katholisch-protestantischen Dialog – trotz schier unerschöpflicher Dialogversuche. Die Evangelische Kirche in Deutschland tut sich schwer, die biblischen Grundlagen ihrer Entscheidungen plausibel zu machen. Wer vor dieser Spannung die Augen verschließt, gewinnt keinen ökumenischen Leuchtturm, sondern macht sich unglaubwürdig. Als Exit-strategie aus der Glaubenskrise taugt das Lutherjahr nicht.

Fulda (DT) Die Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe ist am Donnerstag in Fulda mit einer Aufforderung zur Evangelisierung zu Ende gegangen. Einmütigkeit herrschte nach Angaben des Vorsitzenden, Reinhard Kardinal Marx, in der Auffassung, dass Evangelisierung „der rote Faden sein muss, der sich durch die neue Arbeitsperiode zieht, wobei zu bedenken ist, dass dieser Begriff viele Facetten hat“. Zu Evangelisierung gehöre die Frage, wie den sinkenden Priesterzahlen und den Kirchenaustritten zu begegnen sei. Zentral sei die Frage, wie die Kirche auch in Zukunft die Menschen über die Feier der Liturgie mit Gott in Berührung bringe. Marx zufolge gehört zur Evangelisierung auch das Engagement im Medienbereich ebenso wie der Dialog in der Vielfalt der Religionen.

Ein gemeinsames Wort zum Papstschreiben „Amoris laetitia“ legten die deutschen Bischöfe nicht vor. „Die deutsche Bischofskonferenz ist begeistert von dem Schreiben“, unterstrich Kardinal Marx vor Journalisten und sprach von dem „Eindruck, dass großer Schwung hineingebracht worden ist – sowohl pastoral als auch in der Tonlage“. Der Erzbischof von München lobte die gute Lesbarkeit des Textes, doch gebe es Punkte, auf die die Bischöfe näher eingehen wollten, etwa die Frage der Ehevorbereitung. Mit Blick auf wiederverheiratete Geschiedene unterstrich Marx: „Natürlich hat sich die Tür geöffnet“. Das Dokument stehe für „eine anspruchsvolle Seelsorge“. Es gehe darum, die Gewissen zu bilden, aber nicht um Beliebigkeit. Kardinal Marx kündigte „Konkretisierungen“ der deutschen Bischöfe zur Umsetzung des Dokuments für die Seelsorge an – ob diese in Form eines Hirtenbriefs erscheinen sollen, blieb offen.

Eine gute Bilanz zogen die Bischöfe für das Heilige Jahr der Barmherzigkeit. Vor allem die Heiligen Pforten seien in Deutschland positiv angenommen worden.

Ausführlich äußerten sich die Bischöfe zur katholischen Beteiligung am Reformationsgedenken 2017. Die katholische Kirche und die Evangelische Kirche in Deutschland wollen 2017 als gemeinsames Christusfest begehen. Im Oktober 2016 werden je neun Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der EKD ins Heilige Land pilgern. Als ein Höhepunkt des Christusjahrs ist ein Versöhnungsgottesdienst am 11. März 2017 in der Michaeliskirche in Hildesheim geplant.

Neuerungen fassen die Bischöfe beim konfessionellen Religionsunterricht ins Auge. Angesichts der sinkenden Zahl katholischer und evangelischer Schüler erörterten die Bischöfe Möglichkeiten einer erweiterten Zusammenarbeit mit dem evangelischen Religionsunterricht in gemischt-konfessionellen Lerngruppen.

Auch die Zukunft der Vertriebenenpastoral nach Beendigung der für die Seelsorge an Heimatvertriebenen zuständigen Visitaturen beschäftigte die Bischöfe. Viele Vertriebenenverbände blickten „in der Tradition der Vertriebenenpastoral in die Zukunft, ohne sich von der Vergangenheit abzuwenden, heißt es in der Pressebericht der deutschen Bischöfe. „Das ist nicht der Schnee von gestern, sondern der Frühling von morgen“, erklärte Kardinal Marx. Auch hier gehe es um die „Aufarbeitung der Geschichte, die zu einer wirklichen Heilung in die Zukunft hinein führen muss“. Die Erfahrung von Vertreibung und Flucht solle nicht rückwärtsgewandt von der Erinnerung bestimmt bleiben, sondern von der Erinnerung aus sollten Wege der Versöhnung gehen.

Skeptisch äußerten sich die Bischöfe zur Frage, ob Arzneimitteltests an nicht einwilligungsfähigen Menschen, etwa Demenzkranken, unter bestimmten Voraussetzungen ermöglicht werden sollen, die den Betroffenen selbst keinen Nutzen bringen. Diese Art der Forschung bringe erhebliche Gefahren und Belastungen für extrem schutzbedürftige Menschen mit sich. Zudem erscheine es nach den bisherigen Diskussionen „höchst zweifelhaft“, dass die klinische Forschung in Deutschland auf diese problematischen Formen der Arzneimitteltests überhaupt angewiesen ist.