Leitartikel: Hungersnot: Jetzt handeln

Von Carl-H. Pierk

Leitartikel: Kein Tabu: Die Wehrpflicht

Es darf nicht sein, dass erst Bilder von unterernährten Kindern, toten Viehherden und überfüllten Flüchtlingslagern in Westafrika die internationale Gemeinschaft zur Hilfe bewegt. Die noch immer akute Ernährungskrise am Horn von Afrika macht die Folgen eines zu späten Eingreifens besonders deutlich. Warnungen, die die Hilfsorganisationen bereits 2010 ausgesprochen haben, wurden nicht ernst genug genommen. Wäre darauf reagiert worden, hätten zehntausende Tote vermieden werden können. Erst ein Jahr später, als der Regen im Sommer vergangenen Jahres zum zweiten Mal ausfiel und die Menschen in Somalia verhungerten, kam die Hilfsmaschinerie richtig in Gang. Ein ähnliches Versäumnis darf jetzt nicht in Westafrika geschehen. Der EU-Kommission zufolge sind sieben Millionen Menschen in Gefahr, vor allem in Niger, Mauretanien, dem Tschad, Mali, Nigeria und Burkina Faso. Die Länder des Sahel gehören zu den ärmsten der Welt, ein Drittel der Bevölkerung in Niger und im Tschad sind chronisch unterernährt. Jetzt hat die Welt noch die Chance, Erfahrungen aus den Fehlern vom Horn von Afrika in die Praxis umzusetzen. Es wäre eine Schande, die frühzeitigen Warnungen wieder zu ignorieren.

Dürren und Hungerkatastrophen kommen im Sahel, der afrikanischen Übergangszone zwischen Wüste und Savanne, alle paar Jahre vor. Viele Bewohner der Sahelzone betreiben Landwirtschaft, sodass Dürren die Bevölkerung besonders treffen. Ursachen sind strukturelle Probleme und der Anstieg der Nahrungsmittelpreise während der Dürrezeit aufgrund von Verknappung und Spekulation. In diesem Kontext muss Hirten sowie Landwirten mit Viehzucht, die ein wichtiger Bestandteil der Nahrungsmittelsicherheit darstellen, besondere Unterstützung zukommen. Entscheidend ist es auch, die Bewegungsfreiheit der Hirten in den einzelnen Ländern und auch grenzübergreifend zu garantieren und abzusichern. Doch eine Katastrophe lässt sich nicht so einfach erklären und auf eine einzige Ursache zurückführen, zumal sich die Lage in den einzelnen Ländern national und regional unterschiedlich darstellt. Sinnvoll können Katastrophenhilfe und -prävention somit nur sein, wenn sie die spezifischen Begebenheiten berücksichtigen.

Ein Patentrezept zur Bewältigung der Hungersnot gibt es nicht. Jedoch lehrt die Erfahrung aus der Hungersnot am Horn von Afrika, dass die Regierungen der Geberländer zu viel Zeit vergeudet haben, um Gelder für die Vorbereitung auf die sich anbahnende humanitäre Katastrophe bereitzustellen. Die Regierungen reagieren erst auf den Druck der medialen Berichterstattung, auf die Bilder von zum Skelett abgemagerten Kindern, obwohl sie längst über den Ernst der Lage Bescheid wissen. Schließlich warnen die Botschaften der Geberländer oft frühzeitig vor sich abzeichnenden Krisen. Geradezu zynisch handeln Regierungen der betroffenen Länder, wenn sie aus politischen Gründen nicht zugeben, dass die Ernte schlecht ist oder dass es andere Probleme gibt, die die Regierung allein nicht in den Griff bekommt. Etwa wenn die Transportkapazitäten fehlen, um Getreide aus Nachbarländern zu importieren.

Je länger die Weltgemeinschaft aber mit ihrer Hilfe wartet, desto mehr Leben werden gefährdet, und desto höher wird der Preis der Hilfe sein.