Leitartikel: Historischer Kairos auf Kuba

Von Guido Horst

Guido Horst. Foto: DT
Guido Horst. Foto: DT

Das für kommenden Freitag geplante Treffen von Franziskus mit dem Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche kann man nur als historisch bezeichnen. Nach knapp tausend Jahren Kirchentrennung, nach der Spaltung zwischen der Ost- und der Westkirche 1054, reichen sich der lateinische Papst und der Patriarch der russischen Orthodoxie zum ersten Mal die Hände. Auf Kuba. Das kann und wird Folgen haben. Am Sonntag bat Franziskus die Gläubigen auf dem Petersplatz: „Betet für mein Treffen in Havanna mit meinem lieben Bruder Kyrill.“ Der Papst hatte schon mehrfach gesagt, dass er jederzeit bereit sei, dem Moskauer Patriarchen an jedem Platz der Welt zu begegnen. Diesem wiederum schien europäischer und erst recht russischer Boden für diese erste Begegnung nicht geeignet zu sein – zu sehr würden hier die Lasten der Geschichte drücken, wie es auf orthodoxer Seite hieß. Man habe einen neutralen Ort vorgezogen. Ob Kuba nun neutral ist oder nicht, darüber kann man streiten. Aber der Papst war klug genug, das Treffen nicht an der Ortsfrage scheitern zu lassen. Und auch nicht daran, über welche diplomatischen Kanäle es zustande kam, und seien es die von Raúl Castro oder Wladimir Putin. Für Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin kann die Begegnung Auswirkungen für die gesamte Weltlage haben. Wenn die lateinische und die russische Christenheit wieder lernen, zu den drängenden globalen Herausforderungen mit einer Zunge zu sprechen, wird dies ein ganz anderes Gewicht haben, als wenn der Papst alleine seine Appelle formuliert – etwa gegen religiös begründete Gewalt oder die Verfolgung von Christen im Orient.

Große praktische Schritte auf eine Kircheneinheit hin darf man sich von dem Treffen allerdings nicht erwarten. Zumal die Orthodoxie selber noch alle Hände voll damit zu tun hat, im eigenen Haus die Gräben zu schließen. Ob das Jahrzehnte lang erwartete Panorthodoxe Konzil am kommenden Pfingstfest überhaupt eröffnet werden kann, ist noch offen. Aber auch da könnte die Begegnung am Freitag mit Papst Franziskus beschleunigend wirken. Der Ökumenische Patriarch Bartholomäus war mit Papst Benedikt und ist mit dessen Nachfolger so gut wie befreundet. Die Widerstände gegen eine innerorthodoxe Einigung kommen vor allem von russischer Seite. Da könnte eine gelungene Begegnung Kyrills mit Bartholomäus-Freund Franziskus nur befördernd wirken – im Sinne eines innerorthodoxen Friedensschlusses, der die Voraussetzung für eine generelle Annäherung zwischen der Orthodoxie und der katholischen Kirche wäre. Das ist noch Zukunftsmusik. Aber der erste Schritt, der immerhin wird am kommenden Freitag gemacht.

Metropolit Hilarion, der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, ist neben Patriarch Kyrill eine Schlüsselfigur – sowohl für die innerorthodoxen Beziehungen wie auch für den Draht Moskaus nach Rom. Und Hilarion kennt Rom gut, gemeinsam mit Papst Benedikt hat er 2008 beim „Bibelmarathon“ des italienischen Fernsehens aus dem Buch Genesis vorgelesen. Also: Franziskus und Kyrill kommen jetzt auf Kuba zusammen – und der „Außenminister“ des Patriarchen kennt Rom ohnehin sehr gut. So etwas nennt man einen Kairos. Die Zeichen für fruchtbare Folgen des Treffen standen noch nie so gut. Und die dramatische Weltlage kann es dringend gebrauchen.