Leitartikel: Endlich über Hirntod reden

Von Stefan Rehder

Stefan Rehder. Foto: DT
Stefan Rehder. Foto: DT

Politik und Ärzteschaft wollen die Zahl der Organspenden in Deutschland deutlich steigern. Das wäre nicht schlimm, ließen die Akteure die Bereitschaft erkennen, zur Erreichung dieses Ziels lediglich über Leichen gehen zu wollen. Was in anderen Fällen freilich tunlichst zu vermeiden wäre, hier wäre es ausnahmsweise ein Segen. Doch sind Politik und Ärzteschaft von einer segensreichen Politik derzeit weit entfernt. Denn ob der Ausfall der Hirnfunktionen in jedem Fall auch schon der Tod des Menschen ist, oder ob Hirntote – angesichts neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse – in vielen Fällen nicht vielmehr als Sterbende betrachtet werden müssten, die freilich dann erst auf dem Operationstisch sterben, das soll, wie die Öffentliche Anhörung gezeigt hat, nicht einmal sorgfältig diskutiert werden dürfen (siehe auch S. 3).

Der einzige Politiker, der eine „grundsätzliche“, „sehr offene“ und „tabulose“ Debatte über die von namhaften Wissenschaftlern geäußerten Zweifel an der Hirntod-Konzeption fordert, ist der Stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Johannes Singhammer (CSU). Dass ihm bislang kein weiterer Mandatsträger beigesprungen ist, mag man nachvollziehen können. Akzeptabel ist es nicht. Denn selbstverständlich gehört es zur Pflicht der Volksvertreter ebenso wie zu der Ärzteschaft, solchen Zweifeln – die etwa in den USA sogar von Befürwortern der Transplantationsmedizin geteilt werden – nachzugehen, statt sich und anderen Augen, Mund und Ohren verschließen zu wollen. Wer dieser Pflicht nicht nachkommt, nimmt in Kauf, dass für hirntot erklärte Patienten durch Organentnahmen getötet werden, Ärzte dem Hippokratischen Eid zuwider handeln und die Gewissen von Organempfänger in unerträglicher Weise belastet werden.

Natürlich zweifelt, wer das Hirntod-Konzept in Frage stellt, nicht bloß eine Theorie an. Nein, er legt sich auch mit mächtigen Interessengruppen an. Da sind zunächst die Transplantationsmediziner, die zu den am besten bezahlten Ärzten zählen und innerhalb der Ärzteschaft über enormen Einfluss verfügen. Da ist ferner die Pharmaindustrie, die mit Immunsuppressiva, die eine Abstoßung der transplantierten Organe verhindern, langfristig aber zu einer Vergiftung des Organempfängers führen, allein im vergangenen Jahr in Deutschland 1,61 Milliarden Euro umsetzte, mehr als mit jeder anderen Indikationsgruppe. Erschwerend kommt hinzu, dass in einer Gesellschaft, die an Lebensalter immer reicher, an Innovationen jedoch immer ärmer wird, die Transplantationsmedizin fantastische Wachstumsraten verspricht, weil künftig immer mehr Menschen zum Weiterleben auf ein fremdes Organ angewiesen sein werden. Auch mögen Politiker sich davor scheuen, Wachstumsmärkte zu regulieren, statt zu deregulieren, um Investitionen erleichtern und Kapitalströme lenken zu können.

Und doch führt an einer seriös geführten Hirntod-Debatte kein Weg vorbei. Und das völlig unabhängig vom jeweiligen Standpunkt. Denn letztlich vermag nur das Ausräumen der Zweifel das Vertrauen zu schaffen, das erforderlich wäre, um die Zahl der Organspender in Deutschland zu steigern. Ein neues Gesetz allein reicht dazu nicht.