Leitartikel: Eine traurige Wahrheit

Von Stefan Meetschen

Stefan Meetschen Foto: Archiv
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Die Welt ist erschüttert. Ein junger, schwerbewaffneter Mann tötet seine Mutter, zahlreiche Schüler und Lehrer einer Grundschule und am Ende sich selbst. Eine „sinnlose Tragödie“, wie Papst Benedikt XVI. gesagt hat, die umso mehr unter die Haut geht, als das, was sich am Freitag in dem US-amerikanischen Vorort Newtown ereignet hat, der Schrecken und Alptraum vieler Eltern ist. Das eigene Kind in Lebensgefahr, Opfer eines Amoklaufes an einer Schule – da vermischen sich Wut und Ohnmacht mit grenzenloser Trauer und Entsetzen.

Wie war dies möglich? Was steckt dahinter? Was bringt einen Menschen dazu, eine solch grausame Tat zu begehen? Es sind Fragen wie diese, welche die Menschen in Newtown und an vielen anderen Orten der Welt zurzeit umtreiben und auf welche die mit Hochdruck an der vollständigen Aufklärung des Verbrechens arbeitenden Psychologen und Ermittler lückenlos Antworten zu geben versuchen. So wie es bei früheren School Shootings geschehen ist. Nicht nur in Amerika, sondern auch in Deutschland, wo man sich noch mit anhaltender Fassungslosigkeit an die vergleichbaren Vorfälle in Erfurt und Winnenden erinnert.

Viele Diskussionen hat es damals gegeben: Über den Einfluss von Videos und Computerspielen auf die Psyche von Schul-Außenseitern, über die latente Gewaltbereitschaft von ansonsten eher unauffälligen Jugendlichen, über geeignete Präventionsmaßnahmen an Schulen selbst. Nicht zuletzt der mancherorts relativ leichte Zugang zu Waffen ist damals kritisch in den Blick genommen worden. Auch in den USA wird im Zuge des Amoklaufs jetzt von Politikern und Kirchenvertretern laut über eine Änderung des Waffengesetzes nachgedacht, die sehr zu begrüßen wäre. Ob es dazu tatsächlich kommt, bleibt abzuwarten. Der Schusswaffenbesitz ist zwar ein Relikt aus Wild West Zeiten, gehört aber für manche Amerikaner zum nationalen Selbstverständnis. So unverständlich dies für europäische Betrachter auch ist.

Was bei all diesen medial angeheizten Diskussionen auffällt, ist die Zurückhaltung, wenn es darum geht, die Rolle der Medien ins Spiel zu bringen. Dabei liegt hier ein nicht unwesentlicher Teil der Verantwortung. Nach über 100 School-Shootings in den vergangenen 40 Jahren weiß (oder sollte man wissen), was getan werden muss, um sogenannte „Copycat“-Effekte, Nachahmungstaten, zu vermeiden. Wenn es Journalisten wirklich ernst meinen würden mit ihrer Sorge um das Gemeinwohl, mit der Prävention von School Shootings, würden sie keine Fotos und Namen weitergeben und so eine Distanz zum Täter schaffen. Sie würden nicht über Motive spekulieren, um eine mögliche Identifikation ähnlich veranlagter potenzieller Killer zu verhindern. Sie würden keine Details des Tathergangs nennen, um nicht die Gewaltfantasien von möglichen Tätern anzuregen. Sie würden keine Vermutungen zur Rolle bestimmter Personen äußern, um gefährliche Mythen und Heldengeschichten zu verhindern. Sie würden versuchen, dem auf pathologische Weise nach Aufmerksamkeit strebenden Täter nicht durch eine emotionale, von Spekulationen getriebene Berichterstattung einen „Erfolg“ zu bescheren. Zur traurigen Wahrheit gehört die bittere Erkenntnis: Gegen all diese Prinzipien ist erneut verstoßen worden. Diesmal in Newtown.