Leitartikel: Eine 180-Grad-Wende

Von Regina Einig

LEITARTIKEL : Ein Hoch auf uns

Der Tod ist ein Seismograf für die religiösen Befindlichkeiten einer Kultur. In Pfarreien, Familien und Behörden haben sich die Gewichte im Umgang mit den Verstorbenen so drastisch verschoben, dass die Konsequenzen des Auferstehungsglaubens getrübt erscheinen. Welche Zukunft der Getaufte für den eigenen Leib erhofft, hat Folgen für den Abschied von dieser Welt. Die Feuerbestattung wurde von Papst Leo XIII. als „barbarische Sitte“ und eine Verletzung der natürlichen Pietät verworfen. Seitdem hat sich in der Kirche eine hundertachtzig-Grad-Wende vollzogen. Erd- und Feuerbestattung stehen vielerorts wie selbstverständlich nebeneinander. Die natürliche Pietät ist noch da, aber verschüttet – und es wäre unredlich, hierfür nur die säkularisierte Kultur oder die Medien verantwortlich zu machen.

Sind die Lichter der Verkündigung einfach ausgegangen? Dass die Kirche Kolumbarien in genutzten und nicht mehr genutzten Gotteshäusern einrichtet – wenn es ganz dick kommt, auch am Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel, an dem sich die Gläubigen eigentlich über den ganzheitlichen Erlösungswillen ihres Schöpfers freuen dürfen – belastet die Katechese. Bei den Gläubigen kommt in der Regel die missverständliche Botschaft an: Verbrennen lassen kann man sich heute auch mit dem Segen der Kirche.

Kolumbarien signalisieren einen Bruch in der Verkündigung: Was gestern verboten war, findet heute mit Billigung der Kirche statt. Welche Rolle das Geld dabei spielt, sei dahin gestellt. Kolumbarien gelten derzeit als akzeptable Lösung, um vor allem nicht mehr genutzte Gotteshäuser als Orte der Stille und der Andacht zu erhalten. Inwieweit die Interessenten an Urnenplätzen in einer Kirche auch als Zielgruppe für die Neuevangelisierung ernst genommen werden, lässt sich kaum feststellen. Eine erblindete Katechese paart sich in der Praxis mit ungleichen Lastenverteilungen. Von Pfarrern und hauptamtlichen Laien wird geradezu erwartet, Verständnis für die Urnenbestattung zu haben. Welcher Priester könnte sich im sensiblen Feld der Trauerseelsorge auf die Rückendeckung seines Ordinariats verlassen, wenn er die Feuerbestattung kritisiert? Die Anweisung der deutschen Bischöfe, dass die Empfehlung der Erdbestattung nicht zu einer pastoralen und liturgischen Abwertung der Feuerbestattung führen darf, fiele wie ein Boomerang auf ihn zurück.

Hinter Kolumbarien steht eigentlich ein verweltlichtes Denken: Kirchen werden durch die Brille der Nützlichkeit betrachtet. Ausgelastet sein sollen sie, damit sich der Betrieb auch lohnt. Doch sind Kirchen keine Mehrzweckhallen, die pausenlos gebucht werden müssen, damit am Ende des Geschäftsjahres eine schwarze Null steht. Sie waren auch früher nicht Sonntag für Sonntag zum Bersten gefüllt, als die Kirchensteuereinnahmen weitaus spärlicher flossen als heute. In vielen Gegenden Europas finden sich wunderbare Gotteshäuser, die die meiste Zeit des Jahres hindurch geschlossen sind und nur zu bestimmten Festen oder für Pilger geöffnet werden. Die Einheimischen kommen deswegen nicht auf die Idee, eine solche Kirche schriee förmlich nach einem Nutzungskonzept. Als steingewordene Katechese haben sie ihren eigenen Wert für die Evangelisierung.