Leitartikel: Ein Papst ohne Mannschaft

Von Guido Horst

LEITARTIKEL : Nebelschwaden trüben die Sicht

Es ist eins der bestgehütesten Geheimnisse des Vatikans, was wirklich im „appartamento papale“, in der Wohnung des Papstes geschieht. Man kennt den Tagesablauf Benedikts XVI., weiß (in der Regel), wer ein- und ausgegangen ist, und kann dem jetzt erschienenen Interview-Buch sogar entnehmen, dass der deutsche Papst gerne Filme von Don Camillo und Peppone sieht. Doch nur ganz selten öffnet sich ein Spalt, der ahnen lässt, wie die Stimmung wirklich ist, was den obersten Hirten der Kirche wirklich bewegt, wie viele schwarze Stunden es dort gibt.

Man muss nicht in Seewalds Interview-Buch vom Schock des Papstes, von Missbrauch und vom Fall Williamson lesen, um zu wissen, dass die Lage der Kirche im Westen über die einzelnen Krisenfälle hinaus überaus dramatisch ist: Der Zusammenbruch des Christus-Glaubens auch innerhalb der Kirche, die liturgischen Mätzchen in zahllosen Gemeinden, in Deutschland der verzweifelte Versuch der Bischofskonferenz, mit Vertretern des Zentralkomitees hinter verschlossenen Türen und von der Öffentlichkeit unbeachtet einen „Aufbruch“ herbeizudialogisieren. In den alten christlichen Regionen dieser Welt ist die Kirche auf hoher See, sie droht – wie damals das Fischer-Boot mit dem schlafenden Herrn an Bord – im Sturm unterzugehen.

Da greift der Papst zu außergewöhnlichen Mitteln. Er schreibt Jesus-Bücher, deren Inhalt er zur freien Debatte stellt. Er gibt ein langes, persönliches Interview. Er verlässt die Spur des gewohnten päpstlichen Wirkens. Er lehrt nicht nur, sondern läuft den Schafen hinterher, die von den Wölfen im Schafspelz aus der Koppel getrieben wurden. Darf er das? Kann er das? Ja – warum denn nicht! Nur eins braucht er dann: Eine Mannschaft, die ihm hilft, im Tiefschnee-Fahren abseits der Piste nicht unter Lawinen zu geraten. Und genau diese Mannschaft hat Benedikt XVI. nicht.

War es Eitelkeit – war es Naivität? Dass der Chefredakteur des „Osservatore Romano“ genau auf dem Höhepunkt des Konsistoriums das Embargo des neuen Interview-Buchs gebrochen und in einem umfangreichen Vorabdruck gewagte Worte des Papstes zum Kondomgebrauch öffentlich gemacht hat, war ein Witz. Dass der Scherbenaufkehrer Federico Lombardi dann wieder eilige Reparatur-Erklärungen zusammenstricken muss, macht im Grunde alles noch schlimmer. Eine Medienarbeit des Vatikans, die sich laufend selbst erklärt, zeigt nur, dass dort Durcheinander herrscht.

Und das Durcheinander herrscht, weil es niemanden gibt, der diese dringend nötige Medienarbeit des Vatikans, die die publizistischen Abenteuer des Papstes sorgfältigst begleiten müsste, lenkt und koordiniert. So wie die Dinge stehen, laufen die Fäden – so etwa die des „Osservatore Romano“ und des Presseamts – im Staatssekretariat zusammen. Das wird geleitet vom Staatssekretär, der den „Fall Williamson“ höchstpersönlich zu verantworten hat. In einer von ihm geleiteten Sitzung wurde damals beschlossen, das fragliche Dekret mit der Exkommunikations-Aufhebung unkommentiert zu veröffentlichen, weil es sich angeblich selbst erklärt. Hier liegt das Problem, und hier muss etwas geschehen.