Leitartikel: Ein Jahr Trump: Magere Bilanz

Von Jürgen Liminski

Jürgen Liminski. Foto: DT
Jürgen Liminski. Foto: DT

Als die Mayflower mit den Gründervätern des heutigen Amerika 1620 in der neuen Welt landete, hatte Europa gerade begonnen, sich zu zerfleischen. Die Pilgrimfathers siedelten im Namen der Religion, die Europäer töteten im selben Namen. Nach dreißig Jahren knieten die einen aus Dankbarkeit, die anderen aus Erschöpfung. Religion ist ein politisches Momentum in Amerika geblieben. Alexis de Tocqueville bezeichnete die amerikanische Staatsform gar als Religion mit demokratischen Zügen und sah einen unlöslichen Zusammenhang zwischen Religion und Freiheit, als er schrieb, dass man das Reich der Freiheit nicht ohne das der guten Sitten zu errichten und die guten Sitten nicht ohne den Glauben zu festigen vermag.

Wer nach einem Jahr Trump eine Bilanz der bisherigen Amtszeit des 45. US-Präsidenten zieht, der mag sich fragen: Wo ist das Amerika der guten Sitten und des Glaubens? Was ist aus dem Maßnahmenkatalog geworden, den Trump in den ersten hundert Tagen abarbeiten wollte? Viel hat er angeschoben, geschafft hat er wenig. Und dennoch ist das Amerika, das Donald Trump gewählt hat, ihm auch treu geblieben. Dieses Amerika liegt in der Provinz, dort wo die Washington Post und New York Times nicht hinreichen. Für dieses Amerika hat Trump die Subventionen für Abtreibung gestrichen, Gleichgeschlechtlichen den Platz in der Armee streitig gemacht, den Militärhaushalt deutlich erhöht, die Ölindustrie wieder belebt und umstrittene Pipelines in Auftrag gegeben. Außenpolitisch hat er das rote China verbal angegriffen, den Atomdeal mit dem Iran infrage gestellt und den Ausstieg aus dem Klima-Abkommen verkündet. Für dieses Amerika will er die Mauer zu Mexiko hochziehen und die Einwanderung begrenzen, will er Schutzzölle errichten und Obamacare abschaffen.

Weit ist er insgesamt in diesem ersten Jahr nicht gekommen, was auch daran liegt, dass er mehr redet als handelt. Und dass er gelegentlich Leute um sich versammelt, die man nicht allzu ernst oder doch sehr ernst nehmen sollte. Die meisten von ihnen sind entlassen oder von selbst gegangen, zum Beispiel der Ideologe Steve Bannon. Trump ist offenbar ein Narziss, aber auch clever genug, Persönlichkeiten neben sich zu dulden, die ihm Paroli bieten oder das Spiel „good cop, bad cop“ mitmachen, etwa Außenminister Tillerson. Diese good cops seiner Regierung reparieren die Schäden, die seine verbalen Rundumschläge verursachen und sorgen dafür, dass Amerika weiterhin ein ernst zu nehmender Partner bleibt.

Ein besonderes Verhältnis pflegt Trump zu den Medien. Die verfolgen jede Windung in der sogenannten Russland-Affäre in der Hoffnung, dass Trump darüber aus dem Amt gejagt werden könnte. Auch in Deutschland fiebern manche Medien geradezu einem frühen Ende der Trump-Ära zu, etwa die Springer-Zeitungen und der Spiegel. Sie könnten sich sehr täuschen. Wer die Anklageschriften des Sonderermittlers genauer liest, kommt eher zu der Ansicht, dass Trump einer Desinformationsaktion Moskaus ausgewichen ist und dass die Spuren in dieser Affäre ins Clinton-Lager weisen. Das wird das Amerika der Provinz und der Gottesfürchtigen noch enger an Trump binden – auch zum Leidwesen der religionsfeindlichen Medien hier in Europa.