Leitartikel: Ein Hoch auf uns

Die Bestätigung von Thomas Sternberg als Präsident des ZDK für weitere vier Jahre sagt viel über die Debattenkultur im deutschen Verbandskatholizismus aus. Von Regina Einig

Regina Einig, Autorin
Regina Einig. Foto: DT
Regina Einig, Autorin
Regina Einig. Foto: DT

Wahlen sind Seismografen des demokratischen Lebensgefühls. Die Bestätigung von Thomas Sternberg als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken für weitere vier Jahre sagt viel über die Debattenkultur im deutschen Verbandskatholizismus aus. Ohne Gegenkandidat, ohne öffentlichen Widerspruch mit 160 Ja-Stimmen von 174 Wählern anzutreten ist kein Triumph, sondern symptomatisch für die innere Lähmung des Zentralkomitees. Dass das Gremium just im Jahr der Jugendsynode kein jüngeres Gesicht, vielleicht sogar ein weibliches, als Alternative zu dem 65-Jährigen für den Posten finden konnte, verwundert niemanden, der die verkrusteten Strukturen und den oft auch autoritären Führungsstil beobachtet. Dass den katholischen Verbänden jüngere Mitglieder nicht zufliegen, liegt in Zeiten schwindender Glaubenspraxis auf der Hand. Katholische Verbände zehren von Familientraditionen. Diese reißen heute leichter ab als früher. Mit selbstzufriedenen Werbeslogans wie „Ein Hoch auf uns“ gelingt es auch nicht, Entscheidungschristen – und dieser Typus ist unter den Unter-Vierzigjährigen häufiger anzutreffen – vom Sinn einer Mitgliedschaft zu überzeugen.

Vieles, was derzeit aus den Verbänden kommt, hat eher den Charme einer Selbsthilfegruppe als die Kraft einer gesellschaftsprägenden Stimme. Beispiel katholische Frauengemeinschaft Deutschlands: An erster Stelle der eigenen Ziele führt die Homepage „Selbstbewusstsein von Frauen und weibliche Solidarität fördern“ an. Vokabeln wie „Familie“ und „Kinder“ erscheinen unter den Ziele erst gar nicht. Treffsicherer kann man nicht an jungen Menschen vorbeireden, denn nach wie vor stehen eine Familie und Kinder auf deren persönlicher Wunschliste ganz oben.

Wenig Identifikationsfläche für ernsthafte Gottsucher bietet auch die eingeschliffene Selbsttäuschung, die von betont politisch agierenden Verbänden wie dem BDKJ ausgeht. Das Missverhältnis von Selbst- und Außenwahrnehmung tritt bei den in Glaubensfragen oft überfordert wirkenden BDKJ-Mitgliedern besonders krass zutage. Mangelnde Selbstkritik und die Vorstellung, die kirchliche Hierarchie befände sich im Zustand immerwährender Bringschuld, bestimmen den Duktus vieler Wortmeldungen.

In diesem Jahr spielt der Kalender dem Zentralkomitee eine Steilvorlage zu: Heiligabend fällt auf einen Sonntag. Kein Christ riskiert, gegen die Vorgaben der political correctness zu verstoßen, wenn er sich wie das ZdK gegen offene Läden ausspricht, denn neunzig Prozent der Deutschen teilen diese Auffassung. Doch nun wäre es Zeit, Feuer aus der angefachten Heiligabenddiskussion zu schlagen und die Linien auszuziehen zum christlichen Inhalt: Was wir an Weihnachten feiern, warum mit der Geburt des Erlösers eine neue Zeitrechnung begonnen hat und warum die traditionelle Familie Christen heilig ist – auf diese Fragen fehlt vielen Zeitgenossen die Antwort. Engagierte Laien könnten das Vakuum füllen und damit mehr zur Befriedung der Gesellschaft beitragen als durch Gejammer über selbsternannte Verteidiger des christlichen Abendlandes. Es muss ein Stachel im Fleisch der ZdK-Mitglieder sein, dass eine Islamwissenschaftlerin in diesen Tagen zeigte, wie man eine klare christliche Botschaft in Deutschland lanciert: Lamy Kaddors Aufruf, die Finger vom Christkind zu lassen, trifft ins Schwarze. Wenn eine überzeugte Muslimin eine Lanze für christliche Traditionen bricht, sollte es katholischen Verbandsmitgliedern nicht auch möglich sein?