Leitartikel: Dilemma in Brasilien

Von Reinhard Nixdorf

Reinhard Nixdorf. Foto: DT
Reinhard Nixdorf. Foto: DT

Nur allzu leicht erliegen Fans der Illusion, es komme allein darauf an, was auf dem Fußballplatz geschieht und alles Drumherum sei weniger wichtig. Deshalb verdrängt die Bestürzung über den Ausfall von Marco Reus oder das Bangen um den Keeper Manuel Neuer vielfach den Blick auf die Not und die Ungerechtigkeit außerhalb der Stadien der heute beginnenden Fußball-Weltmeisterschaft: die Vertreibungen von Menschen, die dem Bau der Sportstätten im Weg standen, die verheerenden Arbeitsbedingungen, um die Fußball-Tempel noch rechtzeitig zu vollenden und die Verschwendung öffentlicher Mittel. Zwar ist der brasilianische Staat außerstande, Millionen seiner Bürger Zugänge zu Krankenhäusern, Schulen und erträglichen Lebensverhältnissen zu öffnen, aber das hindert ihn nicht daran, die teuerste Fußballweltmeisterschaft aller Zeiten auszurichten. Zehn Milliarden Euro soll sie kosten, allein drei Milliarden Euro flossen in den Bau und Umbau der zwölf Stadien. Die Zeche zahlt der brasilianische Steuerzahler. Der Weltfußballverband FIFA, seine Marketing-Partner und Sponsoren dagegen werden einen Gewinn von über drei Milliarden Euro einstreichen.

Wer hofft, das Turnier sorge für Aufschwung und Entwicklung, täuscht sich. Schon 2010 in Südafrika fielen solche Impulse aus. Mehrere der am Kap gebauten topmodernen Stadien fristen heute ein Dasein als „weiße Elefanten“: teuer und ohne Nutzen. Schwellenländer sollten sich genau überlegen, ob solche Prestigeprojekte den Aufwand wert sind, heißt es in einer Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts. Zwar sind die Brasilianer fußballverrückt und wollen, dass ihr Land gewinnt. Aber dass die WM im eigenen Land stattfindet, hätte nicht sein müssen, finden viele. Zu groß ist die Unzufriedenheit über die Ungerechtigkeit im Land: ,,Wenn mein Kind krank ist, soll ich es dann in ein Stadion bringen?", klagten etwa brasilianische Mütter.

Dieses Dilemma zwischen der Freude am Fußball und der Ausrichtung des Turniers, die diese Freude zerstört, stellt sich auch bei deutschen Fans ein: zum Beispiel beim Blick auf das peinliche Quartier ihrer Nationalmannschaft, deren Funktionäre glaubten, ein „germanisches Dorf“ auf einer abgeschotteten Insel errichten zu müssen. Ungestörter Luxus: Ist dies das richtige Signal bei dieser Weltmeisterschaft?

Einen Platzverweis hat vor allem die FIFA verdient, der Weltfußballverband, der den internationalen Fußball regiert und abzockt. Was dessen Machenschaften betrifft, hat der britische Journalist Andrew Jennings wohl Recht, wenn er sagt: ,,Einige bei der FIFA haben erkannt, dass sie das wertvollste Produkt der Welt haben. Aber diese Leute haben nicht nur die Möglichkeit gesehen, viel Geld zu verdienen, sondern sie haben es auch in ihre Taschen gesteckt.“ Und so gibt es eben völlig überraschend 2022 auch einmal eine Fußball-WM bei 45 Grad in Katar.

Die Schattengeschäften der FIFA lassen den wahren Fan schaudern. Wie soll er nur sein Gefühl für Gut und Böse mit seiner Fußballbegeisterung unter eine Kappe bringen? Vorerst jedenfalls hilft nur eines: Die Spieler anfeuern, aber die Machenschaften kritisieren und anprangern!