Leitartikel : Die sanfte Befreiung

Von Regina Einig

Regina Einig. Foto: DT
Regina Einig. Foto: DT

Nur wenige an der katholischen Basis gewachsene Initiativen haben auf die Kirche in Deutschland eine befreiende Wirkung auf die Gläubigen ausgeübt. Das Motu proprio „Summorum pontificum“ verdient diese Einordnung ohne Abstriche. Benedikt XVI. eröffnete damit nicht nur einer deutlich höheren Zahl von Gläubigen den regelmäßigen Zugang zur Feier der römischen Liturgie im außerordentlichen Ritus. Er stärkte auch das Sendungsbewusstsein der Laien, die trotz aller ortskirchlichen Gegenwinde nicht resigniert hatten. Ohne die hartnäckige Nachfrage nach der alten Messe hätten keine Personalgemeinden existiert, die sich das Motu proprio im vollen Sinn zu eigen machen konnten.

Zunächst wirkte „Summorum pontificum“ wie Balsam auf manche im kirchenpolitischen Nahkampf wundgescheuerte Seele: Vermeintliche Nostalgiker und als Ewiggestrige diskreditierte Gläubige sahen sich durch den Nachfolger Petri rehabilitiert. Dass der Papst selbst sich der alten Messe annahm bestätigte die Zukunftstauglichkeit der alten Messe. Doch die psychologische Wirkung allein wäre damit unzureichend beschrieben. Die Feier der alten Messe vermittelt ein Kontrastprogramm zu vielen absterbenden Gemeinden, weil sie alle gesellschaftlichen Gruppen erreicht und die jüngere Generation anspricht. Der eigentliche Gewinn des Motu proprio liegt nicht allein in der Vervielfachung der Messorte, sondern in dem Funken, der dadurch auf viele Priester und Gläubige übergesprungen ist, die selbstverständlich beide Formen des römischen Ritus feiern. Ziel des Erlasses war nicht die Förderung liturgischer Ghettos, aus denen möglichst kein Laut die klassischen Territorialgemeinden behelligen sollte. Papst Benedikt wollte einen Bewusstseinswandel schaffen statt Aussonderung zu begünstigen. Der Zeitpunkt war günstig, weil er auf eine junge, weltkirchlich geprägte Generation zählen konnte, die von den ideologischen Kämpfen rund um die nachkonziliare Liturgiereform nicht mehr geprägt war und in beiden Formen des römischen Ritus beheimatet sein wollte. Da viele überdurchschnittlich gebildete Gläubige unter ihnen sind, denen die Liturgiesprache Latein und die Pflege des gregorianische Chorals nicht nur aus ästhetischen Gründen erstrebenswert erscheint, hat die alte Messe in vielen Fällen missionarische Wirkung entfaltet. Nicht jeder, der über die überlieferte römische Liturgie zum Glauben fand, hat sich spontan in der neuen Messe zurechtgefunden.

Dem Ziel Benedikts XVI., dass beide Formen des römischen Ritus sich gegenseitig befruchten sollen, steht nach wie vor die Trägheit der Institution entgegen. Mancherorts betrachten Diözesanleitungen den Fall „alte Messe“ als erledigt, solange einige Kirchen dafür bereitstehen. Auch unter den Traditionalisten selbst besteht die Gefahr des Rückzugs. Möglichst viele Messorte für die außerordentliche Form zu schaffen wird dem Auftrag Benedikts nicht vollumfänglich gerecht. Dass die Grundordnung für die Priesterausbildung vom Dezember 2016 nicht vorsieht, dass Seminaristen – wie im Dokument Ecclesia Dei verlangt – den alten Ritus erlernen, sagt mehr aus als viele Dekrete. Tradition, Lehre und Liturgie der katholischen Kirche kennenzulernen wird auch in Zukunft eine Aufgabe für Autodidakten.