Leitartikel: Die Toleranz der Christen

Von Josef Bordat

Seit 1995 begeht die Welt am 16. November den Internationalen Tag der Toleranz, mit dem Ziel, „Problembewusstsein in der Öffentlichkeit zu wecken“ und „die Gefahren der Intoleranz deutlich zu machen“ (so die UNESCO). Gut so. Doch: Was ist das eigentlich – Toleranz? Oft wird das Verständnis oder gar eine gewisse Sympathie für die Haltung eines Menschen zur Voraussetzung dafür gemacht, diese zu tolerieren. Das ist aber ein Fehlverständnis des Begriffs. Toleranz kann dem Wortsinn nach erst dort beginnen, wo ich etwas nicht teile, nicht verstehe, denn es bedeutet schlicht „Duldung“. Wer toleriert, duldet, erträgt, hält aus. Das ist die schwächste Form, jemandem oder etwas eine Existenzberechtigung zuzubilligen.

Das Dulden und Aushalten (tolerare) ist bei den Römern auf Situationen bezogen (etwa Schmerz oder Hunger aushalten); so benutzt die Naturwissenschaft das Toleranzkonzept bis heute (Laktoseintoleranz). Erst das Christentum bezieht den Begriff der Toleranz auf Personen und entwickelt daraus eine Tugend der Geduld gegenüber abweichendem Verhalten. Es ging den Kirchenvätern darum, eine Ethik zu entwickeln, mit der die immer deutlicher erkennbare innere Vielgestaltigkeit der frühen Christenheit ausgehalten und ausgeglichen werden konnte. Die neue Ethik sollte also die Wahrheit in Christus verteidigen, ohne der menschlichen Person (in ihrer Gottebenbildlichkeit) unduldsam zu begegnen. Sie musste, kurz gesagt, dafür sorgen, dass die Ermahnung des Paulus an die Gläubigen der Gemeinde in Korinth, einander in Liebe zu ertragen (vgl. 1 Kor 13, 7), in der ganzen Kirche Beachtung und Befolgung findet.

Der Umgang mit Andersdenkenden und -glaubenden ist seit jeher ein Prüfstein der Toleranz. In der Betrachtung des Umgangs der Kirche mit denen, die aus ihrer Sicht Irrlehren verbreiteten, betreten wir den Bereich, in dem sich die Christenheit phasenweise wohl am weitesten vom christlichen Ideal, vom wahren Christentum entfernt hat. Dass Ketzern nicht nur widersprochen wurde, dass es nicht bei Maßregelungen und Ausschlüssen aus der Gemeinschaft blieb, einer Gemeinschaft, der die Ketzer ohnehin nicht mehr angehören wollten, von der sie sich innerlich längst abgewendet hatten, dass stattdessen auch Gewalt angewendet wurde gegen Abweichler, das ist eine schwere historische Hypothek für die Kirche.

Aus christlicher Sicht ist jeder Mensch zu tolerieren – Nächstenliebe ist zunächst einmal „Nächstentoleranz“. Denn: Jeder Mensch besitzt eine von Gott gestiftete Würde und führt ein Leben als Geschöpf, mehr noch: als Ebenbild Gottes. Diese Konstitute seines Daseins kann der Mensch selbst nicht auslöschen, egal, was er denkt, sagt oder tut. Eine ethische Grundforderung Jesu lautet: Liebe den Sünder, hasse die Sünde. Säkular abgeflacht wird daraus: Toleriere jeden Menschen, aber nicht jedes Verhalten. Dass sich dieser Grundsatz unter Christen als moralisches Leitprinzip bis heute hält, ist kein frommer Wunsch, sondern lässt sich durch empirische Studien belegen. Beruhigend zu wissen, dass etwas vom Gedanken der christlichen Toleranz gegenüber dem Menschen, der sich anders verhält als man selbst und als man es gut heißt, fest in der Christenheit verwurzelt ist.