Leitartikel: Die Lehren des August 1991

Von Stephan Baier

Stephan Baier.
Stephan Baier. Foto: DT
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Vor 25 Jahren starb die Sowjetunion. Sie war tatsächlich ein „Reich des Bösen“ (wie Ronald Reagan sagte), eine „Diktatur der Lüge“ (wie der jüdisch-österreichische Literat William S. Schlamm schrieb). Sie wurde nicht von Gorbatschow eingeschläfert (wie naive Zeitgenossen meinen). „Gorbi“ hat sie bloß anästhesiert, dann stritten die Ärzte, ob sie schneiden oder Globuli verabreichen sollten. Erst als Jelzin das Messer ansetzte, war es mit dem Spuk vorbei. Sie bekam auch keinen Herzinfarkt im Wettlauf mit dem westlichen Kapitalismus – obgleich sie tatsächlich ein „Entwicklungsland mit Atomraketen“ war (wie Franz Josef Strauß polemisierte).

Die Sowjetunion starb letztlich an ihren eigenen Lügen und Irrtümern. Die ökonomische Lüge lautete: klassenlose Gesellschaft. Tatsächlich war das kommunistische Paradies eine feudalistische Kastengesellschaft, in der Privilegien nach Parteitreue und Kollaboration mit dem Repressionsapparat verteilt wurden. Die Armut wurde nicht beseitigt, sondern geleugnet. Der Fortschritt wurde nicht angestrebt, sondern nur behauptet. Die nationale Lüge lautete: Internationalisierung. Tatsächlich fand im sowjetischen Vielvölkerstaat eine brutale Russifizierung statt. Die Überwindung des „nationalen Haders“ wurde nicht durch Versöhnung angestrebt, sondern einfach in die Verfassung geschrieben. Große Worte wurden zerstört, weil sie für das Gegenteil dessen benutzt wurden, was sie in Wahrheit bedeuten: etwa „Freundschaft“ und „Brüderlichkeit“, aber auch „Gleichheit“ und „Freiheit“. Der Staat selbst war der Dieb, der Lügner, der Terrorist, der Kriminelle, der Volksfeind.

Wie die Sowjetunion behauptete, die Klassenunterschiede und die nationalen Feindschaften überwunden zu haben, so behauptete sie auch das Ende der Religion. Ganz in marxistisch-leninistischer Logik: Wo das Paradies auf Erden realisiert wurde, braucht das Volk kein „Opium“ mehr. All diese Lügen beruhten auf einem metaphysischen Irrtum, auf dem Irrglauben, der Kommunismus könne den Menschen von seinen ökonomischen, nationalen, religiösen Bindungen befreien und damit zu sich selbst bringen. Tatsächlich jedoch kam es nicht zum glücklichen, freien, neuen Sowjetmenschen.

Die „Diktatur der Lüge“ beruhte auf der Angst der Menschen vor dem grausamen Vernichtungswillen des totalitären Staates. Seine Macht wandte sich gegen jede Nation, jede Konfession, jeden Menschen und jede Gruppe, die der Lüge widersprachen. Als die Menschen ihre Angst überwanden, starb diese Diktatur der Lüge: Die Nationen strebten nach Unabhängigkeit, die Religionen nach offenem Bekenntnis, die Menschen nach der Wahrheit. Der Tod der Sowjetunion vor 25 Jahren war nicht die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ (wie Wladimir Putin sagte), sondern eine Sternstunde der Geschichte. Zur historischen Wahrheit gehört jedoch auch, dass Sternstunden rasch vorüberziehen. Vor 25 Jahren trat kein „Ende der Geschichte“ ein (wie es der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama verkündete). Es begann kein Zeitalter globaler Versöhnung. Die große Vergangenheitsbewältigung wurde verpasst, die Reflexion über das Böse am „Reich des Bösen“ versäumt – auf der Jagd nach schnellem Reichtum, oberflächlichem Glanz und neuer Macht. Die Sternstunde ging vorüber, und längst sind neue, finstere Gewitterwolken aufgezogen.