Leitartikel: Die Herrschaft des US–Dollars

Von Reinhard Nixdorf

Reinhard Nixdorf. Foto: DT
Reinhard Nixdorf. Foto: DT

„Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem“, sagte der amerikanische Finanzminister John Bowden Connally Anfang der siebziger Jahre. Damals schwankte der Kurs des Greenback und stürzte Amerikas Handelspartner Deutschland und Japan in große Kalamitäten. Heute ist Conallys Ausspruch brisanter denn je. Der Haushaltsstreit zwischen Demokraten und Republikanern im amerikanischen Kongress, bei dem die Zahlungsunfähigkeit Amerikas in Kauf genommen wurde, ist vor allem ein Problem für die Gläubiger Amerikas, weniger eines für die Vereinigten Staaten. In Peking und Tokio – China und Japan sitzen auf Bergen von US-Staatsanleihen – ist die Sorge vor dem Zahlungsausfall Amerikas größer als in Washington. Kein Wunder, dass wieder einmal laut über eine andere Leitwährung nachgedacht wird, diesmal von China, nachdem dies Frankreich, Russland und Brasilien in der Vergangenheit getan haben.

Doch Forderungen nach einer anderen Leitwährung sind rasch ausgesprochen, aber schwer umzusetzen. Auch China hat mit seiner Geldpolitik dazu beigetragen, den Dollar an der Spitze zu halten. Chinas Devisenreserven werden auf rund zwei Billionen Dollar geschätzt, der Löwenanteil besteht in amerikanischer Währung. Wollte Peking diese Reserven auf einmal abstoßen und durch eine andere Währung wie den Euro oder einen Währungskorb wie die Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds ersetzen, würde der Dollarkurs ins Bodenlose stürzen und die chinesischen Reserven entwerten: Das wäre geldpolitischer Selbstmord. Denn der Dollar ist einfach überall: Öl, Gold, Rohstoffe aller Art, sogar Flugzeuge werden in Dollar abgewickelt. Der Anteil des Dollar an den internationalen Währungsreserven liegt bei sechzig Prozent, dann folgt der Euro mit 27, Pfund und Yen mit vier Prozent, den Rest teilen sich sonstige Währungen. Solch eine Struktur lässt sich nicht von heute auf morgen ändern. Der Dollar bleibt mindestens in den nächsten zehn Jahren die Leitwährung der Welt.

Freilich: Eine global vernetzte Weltwirtschaft braucht auf lange Sicht eine supranationale Währung, die von allen getragen und global kontrolliert wird, nicht bloß von der größten Volkswirtschaft. Nur auf diese Weise lässt sich der Grundkonflikt zwischen den nationalökonomischen Interessen des Leitwährungslandes und den globalökonomischen Interessen der Weltwirtschaft verhindern, wie wir ihn jetzt erleben: dass die Weltgemeinschaft ohnmächtig zusehen muss, wie die Trägerin der Leitwährung einseitig ihre Interessen durchsetzt. Der US-Haushaltsstreit wird diese Diskussion neu entfachen.

Natürlich sind die Amerikaner interessiert, sich das einzigartige Privileg weiter zu sichern, das ihnen der Dollar schenkt: dass sie sich in der Leitwährung verschulden, die von ihrer nationalen Notenbank Fed unbegrenzt gedruckt werden kann. Derzeit gehen die Amerikaner mit ihrem Wettbewerbsvorteil aber grob fahrlässig um. Wenn die Amerikaner sich nicht scheuen, zur Ausfechtung innenpolitischer Probleme die Weltwirtschaft in den Schwitzkasten zu nehmen, ist das unglaublich verantwortungslos. Ihre Handelspartner werden sich das merken und sich zum Nachteil der USA geldpolitisch umorientieren – nicht von heute auf morgen, damit würden sie sich schaden, aber auf lange Sicht allemal.