Leitartikel: Die Debatte um „viri probati“ ist eröffnet

„Die Unauflöslichkeit der Ehe bleibt“, hieß es damals. Jetzt sagt man: „Der Zölibat ist davon nicht berührt“. Von Guido Horst

Dass sein Beitrag für das Buch des italienischen Journalisten Fabio Marchese Ragona – es enthält Interviews mit den von Franziskus ernannten Kardinälen – genau zum Ende der sechsten Lateinamerika-Reise des Papstes erscheinen würde, hat Kardinal Beniamino Stella sicher nicht gewusst. Aber der Termin passt gut. Der Besuch in Peru war gleichzeitig der vorgezogene Startschuss für die Amazonas-Synode 2019 und es ist jetzt schon klar, dass es dort auch um die Weihe von verheirateten älteren Männern zu Priestern gehen wird. Zwar ist die Versorgung der getauften Indigenen in den Amazonas-Diözesen nur eins der Themen, die die Bischöfe der Region bei dieser Synode behandelt sehen möchten, aber es drängt sich immer mehr in den Vordergrund. Der Vatikandiplomat Stella, seit 2013 Präfekt der vatikanischen Klerus-Kongregation und ein enger Vertrauter von Franziskus, erklärt in dem Interview-Buch, es sei sinnvoll, über die Priesterweihe für ältere verheiratete Männer nachzudenken. Dies sei eine Möglichkeit, die „aufmerksam zu bewerten ist, durchaus offen und ohne Engstirnigkeit“.

Nun wird die Kirche nicht aus den Fugen geraten, wenn in einigen Regionen – im Amazonas-Gebiet, im pazifischen Raum – in „Einzelfällen“ so genannte „viri probati“ für die regelmäßige Feier der Eucharistie sorgen. Aber diese Prozesse, wie sie Franziskus gerne in Gang setzt, gehen weit über Einzelfälle hinaus und können eine Signalwirkung haben, die die ganze Kirche betrifft. Von daher erinnert die aufkeimende Debatte um die „viri probati“ an den synodalen Prozess zu Ehe und Familie. Auch zeitlich: Im Februar 2014 waren die Vorschläge von Kardinal Walter Kasper auf dem Tisch, im März 2016 öffnete „Amoris laetitia“ die Sakramente für wiederverheiratete Geschiedene. Jetzt, zu Anfang des Jahres 2018, hat Kardinal Stella immerhin als Klerus-Präfekt der Debatte um die „viri probati“ den Segen gegeben, im März 2020 könnte dann das postsynodale Dokument zur Amazonas-Synode erscheinen. Damals führten die Befürworter einer Lockerung der Sakramentenpastoral immer das Wort im Mund: „Die Unauflöslichkeit der Ehe steht nicht in Frage“. Heute heißt es: „Der Zölibat ist davon nicht berührt“.

Auch wird wieder der Heilige Geist bemüht. Das taten etwa die Kardinäle Schönborn und Kasper, als sie begründen wollten, warum ein Teil der Synodalen in dem Prozess, der zu „Amoris laetitia“ führte, über die Lehre von Johannes Paul II. hinausgehen wollten. Und das tun jetzt Kardinal Stella und auch der Papst, der schon im März 2017 im Interview mit der „Zeit“ sagte, man müsse jetzt darüber nachdenken, „ob ,viri probati' eine Lösung sind“, denn es gehe „der Kirche stets darum, den richtigen Augenblick zu erkennen, wann der Heilige Geist nach etwas verlangt“. Und wie beim Prozess zu Ehe und Familie zeichnet sich eine Frontbildung ab, die über Einzelfälle hinausgeht: Nicht nur die Kardinäle Marx und Lehmann haben sich für ein Nachdenken über die „viri probati“ ausgesprochen, schon 2011 machten acht prominente CDU-Politiker in diese Richtung Druck. Die Antwort der Gegenseite wird nicht auf sich warten lassen. Steht der Kirche der nächste Streit bevor? Denn immerhin sind auch viele Bischöfe des Amazonas-Raums nicht überzeugt davon, dass „viri probati“ der Stein der Weisen sei.

Im Gespräch mit der „Tagespost“ sagte jetzt der Bischof der Prälatur Ayaviri, Kai Schmalhausen Panizo, er sehe die Weihe bewährter älterer Männer, nicht „als realistische Lösung“ – schon allein deswegen, weil diese Vorschläge „einem kirchlichen Kontext von Druck und verzweifelter Suche“ entspringen würden. „Genau deshalb sind solche Lösungen generell nicht gesund. Außerdem: Vermittelt man mit solchen Vorschlägen nicht eine falsche Botschaft? Damit sagen wir unseren Jugendlichen: Du kannst nicht zölibatär leben; es ist unmöglich, Jesus in der radikalen Liebe zum Dienst am Nächsten zu folgen.“ Stattdessen geht es vielen Bischöfen, die die Lage der Ureinwohner im Amazonas-Gebiet kennen darum, etwa die Ausbildung der Seminaristen zu dezentralisieren, so dass die künftigen Priester aus den Kreisen der Indigenen näher bei ihren Familien bleiben, wie das ihren Lebensgewohnheiten entspricht. Papst-Freund Kardinal Hummes und Bischof Kräutler aus Brasilien treten zwar für „viri probati“ ein, der Episkopat der Region aber ist in dieser Frage gespalten.