Leitartikel: Die Chance des Heiligen Jahres

Von Markus Reder

Markus Reder. Foto: DT
Markus Reder. Foto: DT

Auf den Tag genau heute vor 50 Jahren endete das Zweite Vatikanum. Für Papst Franziskus ist das Anlass, die Heilige Pforte im Petersdom aufzustoßen. Damit beginnt das Heilige Jahr der Barmherzigkeit. Barmherzigkeit: Wohl kein Wort beschreibt schöner das Wesen Gottes. In Christus ist diese Barmherzigkeit Gottes Mensch geworden. Franziskus betont das in seiner Verkündigungsbulle zum Heilige Jahr: „Jesus Christus ist das Antlitz des Barmherzigen Vaters. Das Geheimnis des christlichen Glaubens scheint in diesem einen Satz auf den Punkt gebracht“, heißt es in „Misericordiae vultus“ gleich zu Beginn. Manche tun sich schwer mit dem Wort Barmherzigkeit. Sie fürchten dessen Politisierung. Das ist bitter. Barmherzigkeit, Wahrheit, Gerechtigkeit sind kein Widerspruch. Darum taugt der Verweis auf die Barmherzigkeit nicht, um das Evangelium nach eigenem Gutdünken umzumodeln. Andererseits dürfen kirchenpolitische Manöver niemals Grund sein, die Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes nicht mit aller Entschiedenheit in die Welt zu tragen. Sie ist die Herzmitte des Evangeliums und die Quelle, aus der Christen Tag für Tag leben.

Das Erbarmen Gottes zu verkünden, seine Vergebung und sein Heil jedem Einzelnen anzubieten und dabei deutlich zu machen, wie sehr dies das Leben verändert, ist das Anliegen, das der Papst mit dem Heiligen Jahr verfolgt. Franziskus meint das nicht theoretisch, sondern ganz praktisch. Darum betont er die Werke der Barmherzigkeit. Darum rückt er das Sakrament der Versöhnung ins Zentrum. Den vielen Stimmen von links wie rechts, die genau wissen, wie Kirche zu reformieren ist, stellt das Heilige Jahr eine andere Perspektive vor Augen: Fang bei Dir an. Geh in Dich. Nutze dieses Jahr, um Deine Beziehung zu Jesus zu vertiefen. Beim Angelus am Sonntag hat Franziskus in diesem Sinne die Schlüsselfrage gestellt: „Bin ich wirklich in Jesus verliebt? Bin ich überzeugt, dass Jesus mir das Heil anbietet und schenkt?“

Für die katholische Kirche im deutschen Sprachraum ist das Heilige Jahr eine pastorale Steilvorlage. Nachdem man die Jahrhundertchance, die das Pontifikat von Benedikt XVI. bedeutet hat, weitgehend ungenutzt ließ, bietet sich nun erneut die Gelegenheit, die Agenda kirchlichen Lebens umzukrempeln, um endlich jene „pastorale Neuausrichtung“ auf den Weg zu bringen, die Franziskus zum Abschluss des Ad-limina Besuches von den deutschen Bischöfen gefordert hat. Voraussetzung ist auch diesmal, sich das Anliegen des Papstes ganz zu eigen zu machen. Und nicht da, wo er Missstände aufzeigt, das mit Hinweis auf lateinamerikanische Frömmigkeit abzutun, wie man weiland bei Johannes Paul II. dessen polnische Prägungen gerne betonte, um die eigene Ignoranz zu „legitimieren“. Oder bei Benedikt XVI., den man lieber als Fundi karikierte, statt wirklich hinzuhören und sich inspirieren zu lassen.

Mit großem Nachdruck drängt Franziskus auf die Neubelebung der Beichte. Mit lateinamerikanischer Spiritualität hat das nichts zu tun. In diesem Sakrament wird die Kraft der Vergebung erfahrbar und die Barmherzigkeit Gottes konkret. Darum ist die Beichte für Franziskus entscheidende Voraussetzung kirchlicher Erneuerung. Hierzulande ist die Beichtpraxis weitgehend erloschen. An der Bereitschaft, das Sakrament der Versöhnung tatsächlich neu zu beleben, wird sich daher mitentscheiden, wie fruchtbar dieses Heilige Jahr wird. Auch ein Heiliges Jahr ist nur ein Jahr. Erwartungen sollte man daher nicht überstrapazieren. Aber es könnte ein Ruck durch die Kirche gehen. Die Tore der Erneuerung bleiben offen. Durchgehen muss jeder selbst – jeder Einzelne und jede Ortskirche.