Leitartikel: Der synodale Prozess riecht nach Ärger

Wenn es einen deutschen Sonderweg geben sollte, werden manche Bischöfe diesen nicht mitgehen wollen. Und viele Gläubige auch nicht. Dann droht ein Schisma. Von Guido Horst

Der von Kardinal Reinhard Marx angekündigte synodale Prozess der Kirche in Deutschland riecht nach Ärger. Was die Öffnung des Priestertums für verheiratete Männer, die Neuausrichtung der Sexualmoral nach jüngeren Erkenntnissen der Humanwissenschaften und die Untersuchung der Machtfrage im Klerus dazu beitragen können, die Plage des Missbrauchs von Schutzbefohlenen auszurotten – darüber kann man natürlich reden. Aber jeder weiß, dass ein solcher, offiziell von oben „gespurter“ Gesprächsprozess mit Erwartungen verbunden ist, die die aus Kirchensteuermitteln finanzierten Medien in Deutschland ganz offen von den Dächern pfeifen: Schleifung der priesterlichen Ehelosigkeit, Neubewertung der Homosexualität, Frauenweihe, mehr Synodalität und Weiblichkeit in der Kirchenführung.

Schon einmal hat ein deutscher Konferenzvorsitzender unter dem Eindruck der Missbrauchskrise eine Debatte angestoßen, die im Leeren verpufft ist. Der von Erzbischof Robert Zollitsch gewollte Dialogprozess endete 2015 nach vier Jahren zwar symbolträchtig in Würzburg, dem Ort der deutschen Synode mit dem ihr folgenden Vergeblichkeitstrauma, aber gebracht hat er nichts. Die Kirchensteuereinnahmen stiegen weiter und die Kirchen werden leerer – bis heute.

Das sieht Kardinal Marx jetzt anders. „Wir müssen frei werden, Ballast abwerfen, der uns hindert, in die Zukunft zu gehen“, sagte er jetzt vor dem Münchener Diözesanrat. Für den synodalen Weg sei es wichtig, „eine Lehrentwicklung der Kirche“ auch tatsächlich für möglich zu halten. Dabei werde die deutsche Kirche vorangehen. „Wir müssen jetzt nicht auf Rom warten“, versprach er, es gehe darum, einen gewissen Druck und Veränderungswillen sichtbar zu machen, „sonst ändert sich nie etwas“. So etwas nennt man eine Kampfansage, das ist mehr als das Rücken von Stuhlkreisen. Aber es ist auch klar, dass manche deutsche Bischöfe den Weg des „Jetzt zeigen wir es Rom“ nicht mitgehen werden. Und viele Gläubige auch nicht.

Marx setzt alles auf eine Karte, weil er wittert, dass man Rom derzeit ganz gut überrumpeln kann. Bei der unterschiedlichen Interpretation von „Amoris laetitia“ und beim deutschen Kommunionstreit haben Papst und Vatikan bewiesen, dass sie auseinanderlaufenden Tendenzen in den Ortskirchen nicht gegensteuern wollen. Zwar hat man den Bischöfen der Vereinigten Staaten untersagt, vor dem Kinderschutz-Gipfel in Rom schon Maßnahmen gegen Missbrauch zu beschließen. Aber der Gipfel ist vorüber. Und wenn Marx schließlich den Papst mit einem beschlossenen deutschen Sonderweg konfrontiert, hätte Franziskus ein großes Imageproblem, den Kardinal wieder zurückzupfeifen.

Der Weg aus der Missbrauchskrise heraus ist die Formung eines Klerus, der ein geistliches Leben führt, nach Heiligkeit strebt, enthaltsam lebt, durch seine eigene Lebensführung auf Jesus Christus verweist und sich geduldig und liebevoll um die ihm Anvertrauten kümmert. Warum sagt das keiner, wenn die deutschen Bischöfe tagen? Warum nutzt man die Missbrauchskrise, um eine innerkirchliche Agenda zu betreiben, die seit der Würzburger Synode als unerledigte Aufgabe in den Schubladen der Gremien und vieler theologischer Lehrstühle liegt? Der synodale Prozess trägt ideologische Züge. Das kann ihm nur schaden. Und wird für Ärger sorgen.