Leitartikel: Der Papst und der Islam

Von Oliver Maksan

Es ist eine Frage, an der die Geister sich scheiden: die Frage nach dem Verhältnis von Islam und Gewalt. Gründet die Gewalt schon in der Religion, die Mohammed verkündet hat? Oder wird der islamische Glaube nur missbraucht – so wie das Christentum so oft in seiner Geschichte? Die Gelehrten kommen hier nicht zueinander. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass diese Frage längst keine rein akademische mehr ist, sondern aufgrund von Migration und Terrorismus hochpolitisch. Jede Antwort steht deshalb unmittelbar in der Gefahr, politisch verzweckt zu werden. Dass Muslime allerdings im Namen ihrer Religion Gewalt anwenden, ist unstrittig. Debattierbar ist folglich nur, ob sie sich mit Recht oder nicht auf den Koran berufen.

Papst Franziskus hat jetzt auf dem Rückflug aus Polen in diese Debatte eingegriffen und eine Gleichsetzung von Islam und Gewalt abgelehnt (siehe Seiten 5 und 6). Darin ist ihm zuzustimmen – sollte tatsächlich jemand behaupten, dass der Islam immer und überall gewalttätig war, ist und sein wird. Denn das ist in dieser Pauschalität weder heute noch für die Geschichte wahr. Dennoch gibt es auf dem Weg zum anderen Extrem – Islam ist ausschließlich Friede und hinterlässt auf seinem Weg durch die Geschichte nichts als eine Leuchtspur der Toleranz und Gerechtigkeit – noch viel Raum für Differenzierungen. Das weiß natürlich auch Papst Franziskus. Er hat den Nahen Osten besucht, ist mit Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak zusammengetroffen und wird von Bischöfen aus der Region über islamisch motivierte Christenverfolgung regelmäßig informiert.

Dennoch muss man, um den Papst in der fliegenden Pressekonferenz zu verstehen, wissen, dass man Päpste am besten nicht in der Erwartung einer islamwissenschaftlich relevanten Antwort befragt. Sie werden immer als oberste Religionspolitiker der Kirche antworten. Ihnen geht es darum, Brücken zu bauen und andere Religionsgemeinschaften zum Frieden zu ermutigen – und sei es um den Preis, ihnen vereinnahmend Friedfertigkeit zu unterstellen, obwohl das alles andere als offensichtlich ist. Tun sie das Gegenteil – oder wird es ihnen wie Papst Benedikt in Regensburg 2006 auch nur unterstellt –, dann bezahlen Menschen dafür. Die falsch und böswillig interpretierte Regensburger Rede brachte Teile der islamischen Welt gegen Christen dort auf.

Dennoch liefert gerade Papst Benedikts Regensburger Vorlesung dem christlichen Beobachter auch das nötige geistige Rüstzeug, um die Frage nach Religion und Gewalt grundsätzlich zu beantworten. Über wahre Religion und rechten Glauben entscheidet zunächst die Vernunftgemäßheit. Und mit dem auch der Vernunft einsichtigen Wesen Gottes lässt sich Blutvergießen nicht rechtfertigen – schon gar nicht in seinem Namen. Papst Franziskus hat also unscharf formuliert, als er auf dem Hinflug nach Polen sagte, alle Religionen wollten den Frieden. Das ist nur dann ausnahmslos richtig, wenn man hinzufügt, alle dem Wahren und Guten verpflichteten Religionen wollten dies. Ob das auch für den Islam gilt, darauf kann letztlich aber nicht der Papst, sondern können nur die Muslime selbst überzeugende Antwort geben.