Leitartikel: Das Ende der Moral

Von Stefan Rehder

LEITARTIKEL : Große Fragen, große Chancen

Wer die Debatte verfolgt, die in den Medien um Für und Wider des assistierten Suizids geführt wird, kann unmöglich den Eindruck gewinnen, dass alle, die sich an ihr beteiligen, auch schon begriffen hätten, was hier eigentlich auf dem Spiel steht. Selbst große Geister wie der wortgewaltige Essayist Fritz Joachim Raddatz scheinen da keine Ausnahme zu bilden. Denn eine Glorifizierung des Suizids, wie Raddatz sie kürzlich unter dem Titel „Mein Tod gehört mir“ in der Tageszeitung „Die Welt“ vorlegte, ignoriert nicht bloß die wissenschaftlichen Belege der Suizidforschung, denen zufolge der „Freitod“ in mehr als 90 Prozent der Fälle eine reine Fiktion darstellt, sie bedroht auch die Zukunft eines jeden Gemeinwesens. „Wenn der Selbstmord erlaubt ist, dann ist alles erlaubt. Wenn etwas nicht erlaubt ist, dann ist der Selbstmord nicht erlaubt. (...) Denn der Selbstmord ist sozusagen die elementarste Sünde.“ Das steht nicht etwa im Katechismus. Das notierte Ludwig Wittgenstein im Januar 1917 in seinem Tagebuch. Dass ein Logiker und kein Moralphilosoph zu einem solchen Ergebnis kommt, müsste eigentlich zu denken geben. Besonders jenen, welche die Lehre der katholischen Kirche zwar für eine grundsätzlich respektable Position halten. Aber auch für eine, die in einem säkularen Staat unmöglich alle Bürger binden könne, und die in der Weigerung der Bundesärztekammer, Ärzte auch die Last des Tötens schultern zu lassen, kaum mehr zu erblicken vermögen als eine als „Berufsethos“ verschleierte Unbarmherzigkeit gegenüber dem Leid anderer. Weiß man ferner, dass Wittgenstein drei Geschwister durch Suizid verlor, erscheint das harte Urteil des Logikers umso beachtenswerter.

Jede Gemeinschaft ist darauf angewiesen, dass die Menschen, die in ihr leben, sich an getroffene Vereinbarungen halten und zur Rechenschaft gezogen werden können, wenn sie es nicht tun. Wäre es moralisch erlaubt, sich zu töten, müsste es auch erlaubt sein, sich jeder Forderung zu entziehen, die aus den getroffenen Vereinbarungen resultieren. Denn der Suizid ist – sofern er „erfolgreich“ war – die einzige Tat, die es unmöglich macht, jemanden zur Rechenschaft zu ziehen. Und zwar nicht nur für diese, sondern für alle von ihm begangenen Taten. Und es kommt ja auch vor, dass sich Menschen der Verantwortung für ihre Taten auf diese Weise entziehen. Dass das moderne Strafrecht darauf verzichtet, den Suizid zu bestrafen, ist verständlich. War ein Suizid erfolgreich, gibt es niemanden mehr, der zur Rechenschaft gezogen werden könnte. War er es nicht, ist der Betreffende, könnte man meinen, schon genug gestraft. Falsch wäre es jedoch, daraus den Schluss zu ziehen, ein Suizid könne auch moralisch geadelt werden. Auch in einem säkularen Staat, der die Lehre der Kirche, dass allein Gott der Herr des Lebens ist, für eine private hält, geht das nicht. Denn es wäre nicht das Ende der katholischen Moral, sondern das Ende jeglicher Moral. Wer nicht auf einer einsamen Insel lebt, kann daher den Suizid nicht tolerieren. Und nur weil in unserer Gesellschaft Vereinzelung und Individualismus überhand genommen haben, ist der Suizid heute ein derart großes Thema.