Leitartikel: Christ sein heißt lieben wollen

Von Stefan Rehder

Stefan Rehder. Foto: DT
Stefan Rehder. Foto: DT

Um die Gastfreundschaft war es noch nie sonderlich gut bestellt. „Weil in der Herberge kein Platz für sie war“ (Lk 2,6) wurde selbst Gottes Sohn in einer Notunterkunft geboren. Auch in diesen Tagen – rund 2 000 Jahre nach Christi Geburt, die wir heute Nacht feiern und nach der wir sogar die Zeit berechnen – ist es um die Willkommenskultur nicht völlig anders bestellt. Immer noch werden Menschen in Notunterkünften geboren, müssen sie aus dem Land, in das sie geboren wurden, in ein fremdes fliehen. Sei es, weil sie – wie weiland die heilige Familie – politisch verfolgt werden, sei es, weil sie keinen Weg finden, ihren Lebensunterhalt in dem Land zu verdienen, in dem sie aufwuchsen und in dem sie sich – besser als irgendwo sonst – auskennen. Wir wissen nicht, ob Josef, Maria und Jesus in Ägypten als Erstes Demotisch – die Sprache, die in dem vom Nil durchzogenen Land damals überwiegend gesprochen wurde – lernten. Aber vermutlich sprachen sie auch in ihrer neuen Bleibe weiter Aramäisch miteinander.

Ähnlich haben es auch viele Deutsche gehalten, die zwischen 1820 und 1920 in die USA einwanderten. Die wachsende Bevölkerung, häufige Missernten und daraus resultierende Hungersnöte sowie strenge Zunftregeln und die damals übliche Realteilung – die Aufteilung des Landbesitzes auf sämtliche Nachkommen – trieben damals mehr als vier Millionen Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft über den Atlantik in eine für sie völlig neue Welt. Ihre Bereitschaft, sich dort zu integrieren oder gar auf ihre kulturellen Eigenarten zu verzichten, hielt sich in engen Grenzen, wie etwa das sogenannte „German Triangle“, das deutschen Dreieck zwischen Milwaukee (Wisconsin), St. Louis (Missouri) und Cincinnati (Ohio) beweist, in dem damals reihenweise deutsche Wohnviertel mit eigenen Kirchen, Vereinen, Schulen und Theatern entstanden. Italiener und Iren, die ebenfalls zu Millionen in die damals nur 40 Millionen Einwohner zählenden USA auswanderten, machten es nicht anders. Heute würde man wohl von der Bildung von Parallelgesellschaften sprechen.

Anders als die gut ausgebildeten Akademiker Europas – darunter auch viele Deutsche – die heute überall auf dem Globus wie selbstverständlich in multinationalen Konzernen arbeiten und dort ihre Karrieren betreiben, kehren die, die aus dem Nahen Osten, Afrika oder Osteuropa vor Terror, Verfolgung, Hunger und Armut in die reichen Staaten Westeuropas fliehen, ihrer Heimat nicht freiwillig den Rücken. Auch tragen sie für die Strukturen, in die sie geboren wurden, genauso wenig Verantwortung, wie die Europäer, die das Glück haben, heute in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien oder Schweden groß werden zu dürfen. Es stimmt schon: Weder Deutschland noch Europa können alles Elend, das auf der Welt herrscht, ausgleichen. Aber niemand wird behaupten wollen, wir hätten uns bei dem Versuch schon übernommen. Für Christen gilt zudem: Mit dem Kreuzestod Christi sind alle Menschen zu (Adoptiv-)Kinder Gottes geworden. Wie im natürlichen Leben, so können wir uns auch im übernatürlichen Leben unsere Familienmitglieder nicht aussuchen. Und da man Liebe nur mit Liebe vergelten kann, verpflichtet uns die Liebe Gottes, alle Menschen zu lieben – ausnahmslos. Wer darin nicht wachsen will, kann auch nicht Christ sein wollen.