Leitartikel: Brückenbau in der Türkei

Von Stephan Baier

Stephan Baier. Foto: DT
Stephan Baier. Foto: DT

Nicht Neuland betritt Papst Franziskus, wenn er Ende dieser Woche in die Türkei reist, sondern alten kirchlichen, von der christlichen Botschaft getränkten Boden. Hier wirkten Apostel und Heilige, hier blühte die junge Kirche und hielt ihre frühen Konzilien ab. Es ist ein faszinierend vielfältiges Land, das der Papst da bereist: ein zwar nicht mehr aggressiv laizistischer, aber doch säkularer Staat mit muslimischer Bevölkerung und christlicher Tradition, halb im Orient und halb in Europa beheimatet. Wenn Franziskus sich am Freitag in Ankara mit einer Rede an die Vertreter von Staat und Öffentlichkeit wendet, kann er auf das enorme Prestige bauen, das seine Vorgänger seit „Papa Roncalli“ in der Türkei genießen. Aber er spricht zu einer Gesellschaft, in der die Kirche allenfalls eine marginale Rolle spielt, die sich von Europa weggestoßen fühlt, die in ihren inneren Spannungen vom Westen kaum verstanden und in ihren politischen Herausforderungen alleingelassen ist. Wenn der Papst eine Botschaft an dieses selbstbewusste, aber unruhige und polarisierte Volk hat, wenn er darüber hinaus – wie Papst Benedikt 2006 – eine Botschaft an die weite islamische Welt richten will, dann ist seine Rede in Ankara die Gelegenheit dazu.

Der anschließende, zweitägige Aufenthalt in Istanbul gilt dann nämlich nicht mehr den Türken, sondern der Ökumene. Jene brüderliche Herzlichkeit, die zwischen Franziskus und dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios, bei den bisherigen Begegnungen in Rom wie im Heiligen Land sichtbar wurde, ist eingebettet in eine Begegnungsgeschichte seit Paul VI. und Patriarch Athenagoras. Der Besuch des Nachfolgers Petri beim Nachfolger des Apostels Andreas kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass nach einem halben Jahrhundert ökumenischer Bemühungen vielerorts Ernüchterung eingekehrt ist. Aber gerade angesichts neuer Stolpersteine ist dieser Brückenschlag umso notwendiger: Bartholomaios steht für die traditionsverbundene und theologisch reflektierte, die Weltverantwortung in den Blick nehmende und über-national agierende Orthodoxie. Nicht zufällig sind jene Kräfte in der Orthodoxie, die den Katholiken die Türe vor der Nase zuschlagen, die gleichen, mit denen das Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie seine Sorgen hat. Jene nämlich, denen das politische Interesse der eigenen Nation grundsätzlich wichtiger ist als die globale Solidarität der Getauften. Wenn der Papstbesuch im Phanar Bartholomaios stärkt – gegenüber der türkischen Politik wie in der Welt der orthodoxen Kirchen – dann umso besser für die Ökumene!

Auch wenn Franziskus' Reise in die Türkei kein Pastoralbesuch ist, sondern in erster Linie ein ökumenisches Signal, so kann doch ein Abstecher bei der „kleinen Herde“ nicht fehlen. Bei den eigenen Leuten, in der katholischen Kirche, wird der Papst jener Vielfalt begegnen, die historische Wurzeln hat und zugleich die heutigen Nöte des Christentums im Orient offenbart: Er wird chaldäischen Flüchtlingen aus dem Irak begegnen und melkitischen aus Syrien, den Nachfahren des armenischen Genozids von 1915 und den geistigen Söhnen der Missionare. In Summe einer kleinen, aber bunten Kirche, die nur im Netzwerk weltkirchlicher Solidarität weiter blühen kann.