Leitartikel: Bildung ist mehr als PISA

Von Alexander Riebel

Alexander Riebel. Foto: DT
Alexander Riebel. Foto: DT

Die gute Nachricht vorweg: Der PISA-Schultest 2012 hat Deutschland eine „überdurchschnittliche“ Leistung bescheinigt. Diesmal war, wie schon 2003, die mathematische Kompetenz gefragt. Erfreulich ist auch, dass sich die Kompetenz der 15-Jährigen deutschen Schüler kontinuierlich verbessert hat, während der gesamte OECD-Schnitt gesunken ist. Dabei fällt auf, dass die Leistungssteigerung hierzulande nicht den Gymnasien gutgeschrieben wird, sondern den Schularten mit leistungsschwachen Schülern. Die Förderung scheint also gut zu funktionieren – das ist ja auch nach den letzten PISA-Tests lautstark gefordert worden. Und es ist richtig, wenn PISA daraus folgert, dass die Gymnasien noch weiter verstärkt werden müssen, will man sich nicht auf dem Mittelwert der getesteten Schüler ausruhen. Dass Kinder von Migranten noch immer gegenüber deutschen Akademiker-Kindern benachteiligt sind, lässt sich nicht völlig verhindern, auch wenn hier manches verbessert worden ist.

Aber, so ist kritisch zu fragen, wie steht es um den Sinn der PISA-Tests? Deutschland liegt an zehnter Stelle, die ersten drei Plätze nehmen Korea, Japan und die Schweiz ein. Angstgegner Finnland liegt auf Platz sechs. PISA-Tests sind Vergleichstest. Was aber in der Studie unter dem Kapitel „Internationale Vergleichbarkeit der Ergebnisse“ zu lesen ist, muss überraschen. Hier geht es gerade nicht darum, inwiefern die Länder vergleichbar sind, sondern dass etwa eine zu geringe oder zu hohe Vertrautheit mit den Testaufgaben ausgeschlossen sein muss. Etwas, das sich eigentlich von selbst verstehen müsste.

Der schulische Drill in Korea und Japan ist erschreckend. In Japan gehen Schüler in der Regel bis 17.00 Uhr in die Schule, dann bis beinahe 22.00 Uhr nachts in die Nachhilfeschule, in Paukschulen. In Japan und Korea führen schulische Probleme häufig zu Selbstmorden unter Teenagern – die Note 2 kann schon genügen. An diesen Bedingungen sollen sich deutsche Schüler in den PISA-Tests messen.

In den Testaufgaben geht es primär um Kompetenzen. Man glaubt damit, mehr Bildung zu prüfen und tatsächlich wird in der Studie Mathematik als Kulturgut bezeichnet, als „Werkzeug für die Lösung aktueller Probleme“. Doch die Fähigkeit zum bloßen Rechnen, etwa das Dividieren mit großen Zahlen, bleibt damit zunehmend auf der Strecke, zumal 15-Jährige Taschenrechner benutzen dürfen.

Kompetenzen sind etwas anderes als Bildung – die wird aber in den PISA-Tests nicht verglichen. „Gebildetes“ Wissen in Literatur, Politik, Geschichte oder ästhetische Bildung sind bei PISA kein Thema. Ebenso wenig Persönlichkeitsbildung. Bei diesen Themen könnten deutsche Schüler mehr glänzen als Ostasien. Aber wenn Schüler weltweit auf dieselben Kompetenzen getrimmt werden, kommt zunehmend nur noch dasselbe heraus: In diesem Teufelskreis befinden sich die PISA-Studien.

Die skandinavischen Länder sind kein Vorbild mehr, Ostasien war es noch nie. Deutschland sollte sich mehr auf seine eigene Definition von Bildung konzentrieren. Ein Mangel der Studie ist, die Bundesländer nicht getrennt aufzuführen: die interne Konkurrenz wäre nicht weniger aussagekräftig als die globale. Deutschland ist auf einem guten Weg und sollte sich durch die Testeritis von Unvergleichbarem nicht irre machen lassen.