Leitartikel: Alternativlose Loyalität

Von Oliver Maksan

Oliver Maksan. Foto: DT

Loyalität zu Deutschland: Dass sich Bundeskanzlerin Merkel jetzt genötigt sah, die Türkischstämmigen in Deutschland dazu aufzurufen, lässt aufhorchen. Die auch auf deutschem Boden ausgetragenen Konflikte zwischen ethnischen Türken und Kurden, die Explosion autoritär-illiberalen Gedankenguts nach dem Putschversuch gegen Staatschef Erdogan in der deutsch-türkischen Community haben Frau Merkel offenbar die Augen für Parallelgesellschaften und Integrationsverweigerung geöffnet. Diese Phänomene sind letztlich nichts anderes als der sichtbare Ausdruck eines Mangels an innerer Bindung und daraus hervorgehender Verpflichtung der neuen Heimat gegenüber. Deutschland oder welches Land auch immer muss – im Grunde ab der ersten Generation – das Land der Neubürger werden. Ihm muss die Loyalität gelten. Wo dies nicht der Fall ist, wo die Identifikation und Verbundenheit einem konkreten Staat und Volk gegenüber fehlt oder mangelhaft ist, ist die Integration als gescheitert zu betrachten.

Doch warum ist Loyalität so wichtig? Nun, sie ist die Währung, in der relevante zwischenmenschliche Beziehungen gehandelt werden. Ohne sie geht es nicht in der Familie, in Freundschaften, im Beruf. Ohne sie geht es auch nicht in der Kirche. Und ganz sicher geht es ohne sie nicht im Staat und der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft, die ihn trägt. Denn sie ist als grundsätzliche, freilich kritische Verpflichtung einer konkreten Person, Gemeinschaft oder Institution gegenüber der Stoff, aus dem unser soziales Gewand gewebt ist. Kadavergehorsam und Hörigkeit sind ihre Zerrbilder, nicht die Sache selbst. Jeder von uns, will er nicht monadisch isoliert sein, steht als Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Glaubender, Arbeitgeber und -nehmer sowie Staatsbürger in einem ganzen Geflecht von Loyalitätsbezügen. Man ist Familienvater, Katholik und Staatsbürger, ohne wegen der Loyalität zum einen illoyal zum anderen sein zu müssen.

Bloß äußerer Gesetzesgehorsam genügt erfahrungsgemäß nicht, ein Gemeinwesen zusammenzuhalten. Er ist das Minimum, reicht aber als gesellschaftlicher Kitt nicht hin. Es muss eine echte Identifikation mit dem Staat, seiner Verfassung, aber auch mit dem Staatsvolk, seiner Geschichte und Kultur geben. Sicher, der freiheitliche Staat kann niemanden qua Gesetz zu solcher Identifikation zwingen. Wo das durch staatliches Handeln geschieht, ist, wie der Philosoph Robert Spaemann immer wieder betont, Gefahr im Verzug. Der Staat darf nicht zur Wertegemeinschaft werden, auch nicht in eigener Sache. Aber er ist existenziell auf die ihn tragenden Werte der Gemeinschaft angewiesen.

Wenn sich bei vielen Neubürgern und Migranten diese für die Demokratie lebenswichtige Ressource Loyalität nicht schnell ausbilden will, ist dies Anlass zur Beunruhigung. Es ist deshalb richtig, dass die Debatte um die Doppelte Staatsbürgerschaft wieder Fahrt aufnimmt. Denn diese Konstruktion ist nicht nur staatspolitisch fragwürdig, sondern erschwert massiv die Integration. Sie hält die Verbindungen zum Herkunftsland politisch da wach, wo sie nach Generationen eigentlich nurmehr familiär oder kulinarisch sein sollten.

Oliver Maksan. Foto: DT