Leitartikel: Afrika seine Würde geben

Von Johannes Seibel

Leitartikel: Den Menschen rehabilitieren

Die Reise des Papstes ins westafrikanische Benin war ein Erfolg. Immer wieder betonte Benedikt XVI. die Würde jedes einzelnen Menschen. Sie ist die Voraussetzung dafür, ein mündiger Bürger zu werden. Wobei Mündigkeit Rechte wie Pflichten meint. Mündigkeit ist ohne Verantwortung des Individuums für sich und sein Handeln und für das Gemeinwesen nicht zu haben. Das mag in Europa Praxis sein. In Afrika ist es das kaum. Das ist der Kern vieler Probleme. Der mündige Bürger aber ist die Voraussetzung, damit in einer Gesellschaft eine ökonomische und politische Mittelschicht wachsen kann. Wenn also Benedikt XVI. in Afrika die Würde jedes einzelnen Menschen in den Mittelpunkt stellte, dann zielt dies auf eine Gesellschaft ab, in deren Klima Versöhnung, Gerechtigkeit und Friede besser gedeihen als in autoritär oder diktatorisch regierten, die in eine große Unterschicht und eine kleine Oberschicht gespalten sind. Die katholische Kirche in Afrika bekräftigte mit diesem Besuch, Motor und Teil einer solchen menschenwürdigen Gesellschaft zu sein.

Benedikt hat in Benin viel Beifall bekommen. Ob alles ehrlich gemeinter Applaus war, sei dahingestellt. Doch der Papst als über die Kirche hinaus weltweit anerkannte geistliche Autorität, so sieht ihn Afrika, ist eine gewichtige Stimme, die gehört wird. Auf diese Stimme kann sich künftig berufen, wer von Politikern fordert, ihre Macht nicht für sich, sondern für das Gemeinwohl einzusetzen. Auf diese Stimme kann sich ebenso berufen, wer Bildungswille einfordert. Bildung befähigt dazu, eine andere, bessere Gesellschaft aufzubauen. Jede Form von Egoismus verhindert genau das und nimmt dem Menschen letztlich seine Würde.

Damit wird nicht plötzlich alles gut. Das hilft auch den von Hunger, Krankheit, Krieg und Flucht, Armut, Unterentwicklung, Korruption oder Staatsversagen – neben vielem anderen – bedrohten Menschen in Afrika nicht sofort. Damit sind auch keineswegs die vielfältigen Schwierigkeiten der Inkulturation eines Begriffes wie dem des mündigen Bürgers in Afrika ad acta gelegt. Die Entwicklung dieses Kontinentes in Richtung einer Mittelstandsgesellschaft bleibt ein Bohren dicker Bretter. Doch ein Papst ist kein Akteur der internationalen Entwicklungspolitik, deren Regierungs- und Nichtregierungs-Organisationen auf institutionell-strukturelle Veränderungen der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Afrika konzentriert sind. Ein Papst kann jedoch der Weltgemeinschaft vor Augen führen, dass all das in Betriebsamkeit versandet, wenn nicht die personale Dimension der Entwicklung im Blick bleibt. Wer meint, er braucht allein die ökonomischen Umstände ändern, dann blühe Afrika auf, der liegt falsch. Auch das entmündigt, wenn nicht gleichzeitig jeder einzelne Mensch sich zu verändern angehalten ist, um mit der Verantwortung für Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden zuerst bei sich anzufangen. Die Kraft dazu bietet die Religion.

Genau an diesem Punkt setzte Benedikt XVI. in Benin an. Und er ging weiter, indem er die Katholiken Afrikas aufforderte: Sie können dem Kontinent auf dem Weg der Erneuerung auf der Basis der Würde jedes einzelnen Menschen nur helfen, wenn sie in ihren eigenen Reihen die Botschaft des Evangeliums mehr verinnerlichen und glaubwürdig vorleben.