Leitartikel: Absurde Spekulation

Von Guido Horst

Guido Horst. Foto: DT
Guido Horst. Foto: DT

Ist der deutsche Papst einem Komplott zum Opfer gefallen? War es eine – innervatikanische – Intrige, die Benedikt XVI. zum Rücktritt gezwungen hat? Man möchte es kaum glauben, aber nach knapp anderthalb Jahren beschäftigt dieses Thema immer noch die Gemüter. Und so sah sich der emeritierte Papst jetzt gezwungen, dem italienischen Journalisten Andrea Tornielli einen knappen Brief zu schreiben, in dem er nochmals klarstellt, dass sein Amtsverzicht freiwillig und damit völlig rechtmäßig war. „Was meinen Verzicht auf das Petrusamt betrifft“, so schreibt Benedikt XVI., „besteht an dessen Gültigkeit nicht der geringste Zweifel.“ Und alle Spekulationen darüber „sind einfach absurd“. Soweit der emeritierte Papst.

Anlass für das kurze Schreiben Ratzingers war die Anfrage des Journalisten Tornielli, was denn von den Gerüchten zu halten sei, Benedikt sei – von der Kurie isoliert und quasi handlungsunfähig – zu seiner Demission gedrängt worden, um Platz zu schaffen für einen Nachfolger, der wieder handlungsfähig ist. Dass Franziskus es vorgezogen hat, nicht in den Apostolischen Palast zu ziehen, sondern eine Etage im Vatikanhotel „Sanctae Marthae“ in Beschlag zu nehmen, verstärkt den Eindruck, dass irgendetwas in der Umgebung von Benedikt XVI. nicht stimmte. Sofort nach dem Konklave 2005 sollen einflussreiche Kräfte hinter den heiligen Mauern, so lautet das Gerücht, damit begonnen haben, das deutsche Pontifikat ins Leere laufen zu lassen. Der Höhepunkt: Vatileaks. Der Papst stand als Blamierter dar, der nicht einmal auf seinem Schreibtisch Ordnung schaffen konnte. Die treibenden Kräfte: Kardinäle und Erzbischöfe der Kurie, die es nicht ertragen konnten, dass der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation das Petrusamt übernommen und damit begonnen hatte, in Sachen Geld und Macht gehörig aufzuräumen. Immerhin ist es eine Tatsache, dass die Säuberung in der Vatikanbank IOR und in der Immobilien- und Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls, die Papst Franziskus nun energisch weiter vorantreibt, mit Benedikt XVI. begonnen hat. Er schuf die finanzielle Aufsichtsbehörde AIF, die alle Geldströme in der Kurie kontrolliert. Und er rief den Banker Ettore Gotti Tedeschi an die Spitze des IOR, der dort mit den alten Machenschaften Schluss machen sollte. Tatsache ist aber leider auch, dass Papst Benedikt den Rauswurf von Gotti Tedeschi aus der Zeitung erfahren hat. Das ist natürlich Stoff, aus dem man Spekulationen weben kann. Doch der emeritierte Papst nennt sie schlicht und einfach „absurd“. Dem heute 87 Jahre alten Joseph Ratzinger fehlte am Ende einfach die Kraft, das Petrusamt weiter auszuüben.

Die Kirche lässt sich heute – vielleicht anders als zu Zeiten eines Gregors des Großen – nicht mehr vom Bett oder Krankenlager aus leiten. Und so entschied sich Benedikt XVI. für einen historischen Schritt. Franziskus hat auf dem Rückflug von Korea nach Rom vor Journalisten angedeutet, dass er diesem Vorbild seines Vorgängers folgen will – wenn ihn die körperlichen Kräfte verlassen. Das ist kein Grund für Verschwörungstheorien, sondern der Anbruch einer neuen Zeit im Vatikan.