Leichen und anderes, was in den Keller gehört

Hätte London anders gewählt, wenn es das kleine Geheimnis gekannt hätte?

Von Stephan Baier

Haben wir nicht alle – Leser und Schreiber dieser Zeilen selbstverständlich ausgenommen – so unsere kleinen Geheimnisse, die auch ebensolche bleiben sollen? Das „besser nicht“ geschriebene Kapitel in der Biografie, die lieber nicht in Erinnerung gerufene Peinlichkeit und – wenngleich nicht immer blutig – die viel zitierte „Leiche im Keller“?

Hin und wieder aber macht sich einer auf die Suche. Es muss ja nicht gleich ein Journalist sein. Dann kommt ans Tageslicht, was dieses nie erblicken sollte. So nun geschehen in London, wo Sherlock Holmes dafür bekannt war, Leichen in Kellern und an anderen tristen Stellen zu finden. Londons neuer Bürgermeister Boris Johnson wandelte nun auf den Spuren des berühmten Detektivs und wurde fündig: Als er „Schlupfwinkel und Verstecke“ seines Amtssitzes am Ufer der Themse mutwillig durchstöberte und erkundete, fand er einen „geheimen Weinkeller“ mit mehr als 100 Flaschen ausgesuchter Sorten. Beeindruckt berichtete er, dort fänden sich „ganze Reihen von funkelndem Chateauneuf-du-Pape“. Ob die Flaschen so funkelten, weil Johnson bereits eine private Weinprobe eingelegt hatte, wissen wir nicht. Auch nicht, ob sein Vorgänger Ken Livingston wegen des „Chateauneuf-du-Pape“ jetzt unter Briten als Papist oder als französischer Agent betrachtet wird. Ob die Flaschen dem „red Ken“ persönlich oder doch der Londoner Verwaltung gehören, weiß auch der Nachfolger nicht. Eines aber wissen wir: Ken Livingston hatte fest mit seiner Wiederwahl gerechnet, sonst hätte er seine Zeit in die Umlagerung seiner edlen Tropfen statt in den Wahlkampf investiert. Und auch wenn die Londoner Episode einer gewissen persönlichen Tragik nicht entbehrt, können wir den Geschädigten doch trösten: Das ist sicher nicht die schlechteste Leiche, die im geheimen Keller eines Politikers gefunden wurde.