„Lebenserfahrung mit Gott vermitteln“

Der Erzbischof von Tegucigalpa in Honduras, Kardinal Oscar Rodríguez Maradiaga, beschreibt seine Sicht des Priesterjahrs

Eminenz, Patron des internationalen Priesterjahrs ist der heilige Pfarrer von Ars. Können sich die Priester in Lateinamerika besonders leicht mit einem einfachen Landpfarrer identifizieren, der das Leben der Armen geteilt hat?

Ja, der Pfarrer von Ars hat demütig und einfach gelebt und keine akademischen Ambitionen gehegt, aber das Wichtigste am heiligen Jean-Marie Vianney ist seine persönliche Heiligkeit und seine tiefe Liebe zum Priesteramt und zum Dienst an den Gläubigen, die ich auch bei unseren Priestern beobachte.

Solidarität zwischen den Kontinenten ist mehr als materielle Hilfe. Welche Zeichen der Verbundenheit mit den Priestern in Lateinamerika würden Sie sich von europäischer Seite wünschen?

Vor allem persönliche Kontakte. Wenn es nach mir ginge, sollten alle europäischen Priester sich eine Zeitlang in Lateinamerika aufhalten. Für mich ist es ein Glück, dass ich viele europäische Priester kennengelernt und erlebt habe, dass wir ihnen bei Besuchen in Lateinamerika Anregungen geben und kostbare seelsorgliche Erfahrungen vermitteln konnten. Viele europäische Mitbrüder kamen aus Gegenden, in denen dem Priester und seinem Dienst keine besondere Wertschätzung mehr entgegengebracht wird oder die Menschen den Geistlichen für einen Funktionär halten, den man nur ruft, wenn es um die Sakramentenspendung geht oder wenn die Gläubigen einen bestimmten geistlichen Dienst brauchen. Viele dieser Priester sind durch ihre Lateinamerikaauf- enthalte verwandelt worden – vor allem durch die Art und Weise, wie sie in den Dörfern aufgenommen wurden. Viele haben nachher gesagt: „Es lohnt sich wirklich, Priester zu sein“.

Welche Hoffnungen verbinden Sie mit der Initiative des internationalen Priesterjahrs?

Die Initiative des Heiligen Vaters ist goldrichtig. Auf das Paulusjahr, das gerade unter uns Geistlichen ein enormer Erfolg war, folgt nun das Priesterjahr. Ich habe im März an der Vollversammlung der Kleruskongregation teilgenommen, in der der Heilige Vater das Priesterjahr ankündigte. Mir erscheint das wie ein Vitalisierungsschub. Das Paulusjahr war eine Einladung, sich erstens intensiver mit der paulinischen Theologie und den Briefen des Völkerapostels auseinanderzusetzen und zweitens, den Missionsgeist des Heiligen wieder zu entdecken. Das internationale Jahr des Priesters ist ein Schatz, der den Priestern neuen Mut schenken kann. In der Öffentlichkeit ist das Bild des Priesters in der Vergangenheit oft sehr negativ gezeichnet worden, ein Grund dafür waren die Missbrauchsskandale in den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern. Die Wirklichkeit sieht aber so aus: Die überwältigende Mehrheit der Priester, die sich überhaupt nichts haben zuschulden kommen lassen, dient schlicht und ergreifend Gott. Das Priesterjahr ist nach manchen negativen Medienberichten eine wertvolle Chance.

Hat das Priesterjahr für Sie auch eine marianische Dimension?

Auf jeden Fall und diese marianische Dimension kann durch nichts ersetzt werden. Maria ist das Vorbild der Jünger. Wir Priester verkünden das Wort Gottes und müssen dafür sorgen, dass das Wort im übertragenen Sinne auch in unserem Leben Fleisch wird, damit wir keine Lippenbekenntnisse abgeben. Wir sollen weniger intellektuelle Konzepte als Lebenserfahrung mit Gott vermitteln.