Ladenöffnung am Schabbat

Russische Einwanderer protestieren gegen neues Gesetz. Von Till Magnus Steiner

Avigdor Liebermann - Führer der Partei Israel Beitenu
Avigdor Liebermann sitzt als Verteidigungsminister im Kabinett. Seine Partei versteht sich als Stimme der russischen Einwanderer. Foto: dpa

„Gegen unseren Willen wird uns vorgeschrieben, wie wir unseren Schabbat verbringen sollen.“ Die 40-jährige Frau ist wütend. Sie ist in den 90er Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit ihren Eltern nach Israel gekommen war. Jetzt steht sie vor dem Rathaus in Aschdod und demonstriert mit Tausenden von Menschen gegen das Anfang Januar vom israelischen Parlament verabschiedete sogenannte Supermarkt-Gesetz. „Das ist eine völlig ungerechtfertigte, religiöse Nötigung“, erläutert sie die Gründe ihres Protestes.

Mit nur einer Stimme Mehrheit hatte die Regierungskoalition eine Änderung im Kommunalrecht vorgenommen: Es geht um die Möglichkeit, dass kleine Lebensmittelläden am Schabbat, also in der Zeit von Freitag- bis Samstagabend, geöffnet haben können. Stadtverwaltungen, die die Öffnung erlauben wollen, müssen von nun an dazu eine Genehmigung des Innenministeriums einholen. Auch wenn das Gesetz nur einen kleinen Aspekt des israelischen Alltags berührt, zeigt sich an dem daraus entstehenden Konflikt die deutliche Frontlinie die Teile der Gesellschaft voneinander trennt und auch durch die Regierung selbst verläuft. Nicht nur in Aschdod, sondern in mehreren israelischen Städten versammeln sich seit drei Wochen jeden Samstagabend wütende Bürger, die gegen die aus ihrer Sicht religiöse Bevormundung durch den Staat demonstrieren. Aus der Sicht der ultraorthodoxen Parteien hingegen sichert die Gesetzesänderung die religiöse Balance in Israel: „Die Verabschiedung des Gesetzes ist kein Sieg der Haredim (den ultraorthodoxen Juden), sondern die Bewahrung des Status quo und ein Sieg für die schweigende Mehrheit, die an der Fortführung des jüdischen Charakters des Landes und an der Ruhe am Ruhetag interessiert ist“, erklärte der zur ultraorthodoxen Shas-Partei gehörende Innenminister Ariyeh Deri.

Umstrittene Identität

Entgegen der Koalitionsvereinbarung stimmte jedoch die Partei Yisrael Beiteinu gegen das Gesetz. Ihr Vorsitzender Avigdor Lieberman, der auch Verteidigungsminister ist, hat sich mit den Demonstranten solidarisiert, indem er vor zwei Wochen am Schabbat einkaufen war – in einem Lebensmittelladen, der auch Schweinefleisch anbietet. „Am Schabbat in Einkaufszentren zu gehen, Freunde in Cafés zu treffen und die Zeit zu genießen – das gehört zur Kultur der Immigranten aus Russland“, erklärte er. Seit dem Ende des Kalten Kriegs sind über eine Million russische Juden eingewandert, deren Stimme Liebermanns Partei zu sein beansprucht. Jeder dritte Einwohner Aschdods spricht Russisch. Zugleich sind 20 Prozent der Stadtbevölkerung Haredim, also ultraorthodox. Zwischen diesen Bevölkerungsgruppen ist nicht die jüdische Identität des Staates umstritten, sondern die Frage, was dies für den Alltag bedeutet. „Wir sind nicht säkular – wir sind traditionell“, erklärt eine der Demonstrantinnen. „Ich zünde Kerzen für den Schabbat an, wir feiern die jüdischen Feiertage und essen koscher. Aber ich will nicht, dass andere Leute mir vorschreiben, wie ich meinen Schabbat zu verbringen habe.“