Kosovo sieht seine Zukunft in EU und Nato

Der erste kosovarische Botschafter in Deutschland musste die Diplomatie im Schnellkurs lernen

In Berlin ist ein Jahr nach der Unabhängigkeit der Republik Kosovo deren Botschaft in Deutschland eröffnet worden. Aufgebaut haben sie seit Ende Oktober zwei Diplomaten, darunter der 38-jährige promovierte Agrarbiologe Vilson Mirdita, der künftige Botschafter. Aufgewachsen im Nordosten Kosovos als Angehöriger der dortigen katholischen Minderheit von rund 65 000 Gläubigen, lebt er seit fast 16 Jahren in Deutschland. Zuletzt lehrte er an der Universität Hohenheim Angewandte Genetik und Pflanzenzüchtung. Michaela Koller sprach mit ihm über seine neue Aufgabe.

Wie haben Sie den Ruf in die neue Verantwortung aufgenommen?

Ich war gerade im Urlaub im Kosovo, als mir gesagt wurde, dass ich für diese Aufgabe ausgewählt worden bin. Das hat mich überrascht, aber gleichzeitig ist es für mich eine besondere Ehre, gerade in Deutschland mein Land vertreten zu dürfen. Ich habe diesem Land viel zu verdanken, so auch die Gelegenheit, zu studieren und zu promovieren. Die Bundesrepublik ist eines der bedeutendsten Länder für uns, da uns die Deutschen in den vergangenen zwei Jahrzehnten wie kaum eine andere Nation unterstützt haben. Durch staatliche Hilfen wie auch durch unzählige private Initiativen.

Wie wählt ein Staat, der gerade einmal ein Jahr alt ist, seine Diplomaten aus? Waren Sie politisch aktiv?

Nein, ich habe mich nicht politisch engagiert, aber ich habe nach dem Krieg privat wie beruflich regelmäßig meine Heimat besucht und konnte so die gesellschaftliche Entwicklung vor Ort verfolgen. Wir hatten an der Universität Hohenheim einige Projekte mit der Agrarwissenschaftlichen Fakultät der Universität Pristina. Einige deutsche Kollegen hielten dort auch Vorträge. Unsere Aufgabe war es, das Hochschulsystem im Kosovo zu reformieren. Im Sommer vorigen Jahres hat uns dann zu Hause im Kosovo Präsident Fatmir Sejdiu besucht. Vielleicht hat dies die Entscheidung positiv beeinflusst.

Wie haben Sie sich auf das Amt vorbereitet?

Da wir ja keine Diplomaten hatten, mussten wir erst einmal in einem dreiwöchigen Schnellkurs die Grundlagen der Diplomatie lernen. Unsere Referenten waren neben albanischen Diplomaten auch einige in der Hauptstadt Pristina akkreditierte Botschafter, darunter auch der deutsche Missionschef. Derzeit unterstützt uns Deutschland weiter sehr. Eine größere Gruppe kosovarischer Diplomaten dürfen jetzt an einem Lehrgang der diplomatischen Akademie des Auswärtigen Amtes teilnehmen.

Sie haben seit Ihrer Ernennung eine Reihe von Landsleuten getroffen, auch in Bayern, wo viele Kosovaren leben. Welche Erwartungen haben sie an Sie herangetragen?

Die Begeisterung der Leute ist sehr, sehr hoch. Zum ersten Mal haben sie überhaupt eine Adresse, an die sie sich wenden können, mit Problemen, aber auch mit dem Anliegen, ihrem Land zu helfen. Wir haben hier in Deutschland eine starke Gemeinschaft von Kosovaren. Schätzungen zufolge sind dies rund 200 000 Landsleute. Und die waren es, die in den schweren neunziger Jahren durch ihre finanzielle Unterstützung das Schulsystem im Untergrund aufrechterhalten haben. Viele von ihnen hätten lieber heute als morgen einen Pass des Landes, für das sie alles gegeben haben. Konsularische Dienstleistungen können wir aber frühestens ab diesem Sommer anbieten. Jetzt fehlen noch die technischen Voraussetzungen und das Personal, das gerade erst dafür ausgebildet wird.

Was ist momentan Ihre vorrangige Aufgabe?

Das Wichtigste ist das Bemühen um die weitere Anerkennung Kosovos über die bislang 55 Staaten hinaus. Berlin ist dazu ein sehr guter Ausgangsort, da hier mehr als 180 diplomatische Vertretungen ihren Sitz haben. Beim Empfang anlässlich der Unabhängigkeitsfeierlichkeiten im Februar sind einige Vertreter von Staaten zu uns gekommen, die uns noch nicht anerkannt haben. Bei anderen muss ich Aufklärungsarbeit leisten. Sie haben meist innenpolitische Probleme, Minderheitenprobleme, die sie noch zögern lassen. Wir müssen auch in internationalen Organisationen Mitglied werden, etwa im Internationalen Währungsfonds, um der Wirtschaft im Kosovo eine Perspektive zu geben.

Auch der Vatikan hat Kosovo noch nicht anerkannt.

Ich habe bereits ein Gespräch mit Nuntius Jean-Claude Périsset gehabt, ein Diplomat, der schon auf eine fast vierzigjährige Laufbahn zurückblicken kann. Er sagte zwar, wir müssten ein wenig warten, würdigte aber unsere demokratische Entwicklung.

Abgesehen von den Anerkennungsbemühungen, was benötigt denn Ihr Land sonst noch?

Es müssen dringend Arbeitsplätze geschaffen werden. Kosovo hat die jüngste Bevölkerung in Europa, 75 Prozent sind unter 35 Jahren. Unsere Regierung bemüht sich daher gerade um Investitionen im Energiebereich, für die Infrastruktur und in der Landwirtschaft. Außerdem brauchen wir jetzt eine funktionierende Verwaltung.

Sehen Sie eine Chance zur Lösung des Konflikts mit Serbien?

Serben leben nicht nur im Norden Kosovos, wo aufgrund des Einflusses von Belgrad parallele Strukturen entstanden sind, sondern auch im Binnenland. Diese Leute fühlen sich mehrheitlich sicher. So fahren regelmäßig Albaner, Serben, Roma, Bosniaken und Angehörige anderer Ethnien gemeinsam in Bussen vom Südzipfel des Kosovo quer durchs Land nach Serbien. Niemand nimmt davon Notiz. Niemand fühlt sich bedroht. Serben werden als gleichberechtigte Bürger des Kosovo behandelt. Ich selber bekomme öfter Anrufe auf Serbisch in der Botschaft, die ich natürlich auch auf Serbisch beantworte. Leider ist es immer noch schwierig, wenn ein Albaner aus Serbien in einer serbischen Botschaft auf Albanisch anruft. Aber auch hier sehe ich längerfristig optimistisch in die Zukunft. Die jungen Serben sind der alten nationalistischen Propaganda müde. Sie erwarten von ihren Politikern Arbeitsplätze und eine Perspektive für morgen. Unsere Zukunft ist in der Europäischen Union und in der NATO, und diese wünschen wir nicht nur unserem Land, sondern allen Ländern der Region

Wie sieht das Miteinander unter den Religionsgemeinschaften in Ihrer Heimat aus?

Ich kann mit Stolz darüber sprechen, dass Menschen unterschiedlicher Bekenntnisse bei uns sehr gut zusammenleben. Eine Mehrheit von 95 Prozent Muslimen feiert etwa mit uns Christen Weihnachten und das Sankt-Georg-Fest, unser gemeinsames Frühlingsfest.