Kontrolleure unter Kontrolle

Mexikos Kampf gegen die Drogenkartelle geht nur zäh voran. Von Marcela Vélez-Plickert

Ziemlich gut ausgerüstet: Die Mitglieder mexikanischer Drogenkartelle. Foto: dpa
Ziemlich gut ausgerüstet: Die Mitglieder mexikanischer Drogenkartelle. Foto: dpa

Es klang wie eine düstere Prophezeiung. „In diesem Land muss man vorsichtig sein. Heute kann ich noch mit Ihnen sprechen, und in ein paar Wochen könnten Sie die Nachricht von meinem Tod lesen“, sagte Ygnacio López Mendoza im Oktober der Stiftung Insight Crime. Zwei Wochen später, am vergangenen Donnerstag, hat die Polizei López Leiche gefunden. Er war gefoltert und sein toter Körper dann an einer Straße abgelegt worden. Ygnacio López war Bürgermeister von Santa Ana Maya, einer Kleinstadt im Bundesstaat Michoacán in Westmexiko. Der 61-jährige Bürgermeister wurde vor einem Monat landesweit berühmt, als er vor dem mexikanischen Senat in einen Hungerstreik trat, um mehr Mittel für den Kampf seiner Stadt gegen das organisierte Verbrechen zu verlangen. Seit seinem Tod gab es eine Welle von Gewalt, Schießereien und Brandanschlägen in der Region.

López ist nur einer von etwa vierzig Bürgermeistern, die in den vergangenen Jahren in Mexiko von Drogenbanden getötet worden sind. Hinzu kommen zahlreiche andere Opfer aus anderen gesellschaftlichen Gruppen. Allein im vergangenen Monat berichtete die Presse über die Morde an einem weiteren Bürgermeister, zwei Polizeichefs, der Mutter eines regionalen Tourismussekretärs, zwei Journalisten und mindestens drei Aktivisten von zivilgesellschaftlichen Gruppen.

Trotz der fortgesetzten Mordwelle und Entführungen sagt die Regierung von Präsident Enrique Pena Nieto, dass ihre Strategie zur Bekämpfung der Drogenkartelle bald wirken werde. „In einem Jahr können wir Bilanz ziehen“, wiederholt der seit knapp einem Jahr amtierende Präsident, wann immer er nach Resultaten gefragt wird. Nach Angaben der Regierung sind die mit Drogenverbrechen zusammenhängenden Todesopferzahlen in diesem Jahr um rund 20 Prozent gesunken. Die Opposition und unabhängige Nichtregierungsorganisationen bezweifeln diese Zahlen. Selbst wenn die Verringerung der Mordrate stimmt, dann liegt sie immer noch bei etwa 1 500 Fällen im Monat.

Pena Nieto wurde im Dezember 2012 gewählt. Sein großes Wahlversprechen war, die blutige Gewalt zu beenden, unter der Mexiko schon seit Jahrzehnten leidet, seit der Drogenschmuggel in die Vereinigten Staaten ein Milliarden-Business geworden ist. Die nun wieder herrschende linksgerichtete Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) von Pena Nieto beschuldigt die zuvor regierenden Konservativen, dass erst deren Konfrontationsstrategie unter Präsident Felipe Calderón zu einer ganz großen Eskalation des Drogenkriegs geführt habe. Calderóns Partei der Nationalen Aktion (PAN) weist das zurück. Ohne Zweifel aber war der Blutzoll hoch. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen gab es in den Jahren 2006 bis 2012 etwa 50 000 Todesopfer, ein Großteil davon Zivilisten.

Die Drogenkartelle haben sich hartnäckig gehalten. Ihre Millionen-Einnahmen erlauben es den Banden, sich moderne Waffen und sogar Kampfhubschrauber und U-Boote zu kaufen. Die schwerbewaffneten Gruppen sind in einigen Gegenden die beherrschende Macht, wo sie nicht nur die illegalen Aktivitäten wie Drogen- und Waffenhandel kontrollieren, sondern auch legale Gewerbe und teilweise die Politik. Nach Angaben des Verbands der Städte in Mexiko werden 40 Prozent der Städte und Gemeinden von Drogenkartellen beherrscht. Nicht nur alle lokalen Geschäftsleute, sondern auch die Bürgermeister müssen zehn Prozent ihrer Einnahmen als Schutzgeld zahlen.

„Die Stadtregierungen und die Polizei sind unter der Kontrolle von Kriminellen oder arbeiten mit ihnen zusammen“, schrieb Patino Velázquez, Bischof von Apatzingán im Bundesstaat Michoacán, vor drei Wochen in einem Offenen Brief. In seiner Region ringen mehrere kriminelle Banden mit Namen wie Familia Michoacana, Los Zetas, Jalisco Nueva Generación oder Los Caballeros Templarios (Die Tempelritter) um die Vorherrschaft. Weitere besonders mächtige Drogenbanden sind die Sinaloa oder das Golf-Kartell. „Es gibt zunehmende Gerüchte, dass auch die Staatsregierung den Verbrechern zu Diensten ist“, klagte der Bischof. „Das schafft Verzweiflung und Enttäuschung in unserer Gesellschaft.“

Patino und vier weitere Bischöfe haben nun Todesdrohungen bekommen, nachdem die Kirche die Bundesregierung öffentlich aufgefordert hat, mehr zu tun, um die Kontrolle über die von Drogenkartellen beherrschten Städte zurückzuerlangen. Präsident Pena Nieto verspricht, etwas zum Besseren zu ändern, doch ist seine Strategie bislang vage geblieben. Als Erfolg konnte er im Juli die Verhaftung von Miguel Ángel Trevino, des berüchtigten Anführers der „Los Zetas“, durch eine Spezialeinheit der Marine verbuchen. Trevino war einer der brutalsten und gefürchtetsten Drogenbosse, der Feinde bei lebendigem Leibe verbrannt hat. „Los Zetas“ gelten nun als geschwächt, doch operiert die Bande seitdem unter einem neuen Chef weiter.

Nur wenige Tage vor der Ermordung von Bürgermeister López hat das Militär Lázaro Cárdenas, einen der wichtigsten Häfen des Landes, besetzt, der zuvor acht Jahre lang unter der Kontrolle von „La Familia Michoacana“ und „Los Caballeros Templarios“ stand. Sie nutzten den Hafen für den Drogentransport und erpressten legale Unternehmen. Das Militär hat 113 Mitglieder der Munizipal-Polizei und den früheren Bürgermeister verhaftet, die Verbindungen zu den Drogenkartellen haben sollen. Wie ein Krake hat sich das Geschäft mit Drogen in Mexiko ausgebreitet. Bischof Patino rief die Bevölkerung auf, nicht die Hoffnung zu verlieren.

Oliver Maksan. Foto: DT