Konservative mit Herz

Er ist weiß, stammt aus der Unterschicht und kennt die Stimmungslage der Trump-Wähler: Der US-Publizist J.D. Vance ist einer der wichtigsten Strategen des Sozialkonservativismus in der Vereinigten Staaten –Auf die Zeit nach Trump setzt er Hoffnung. Von Stefan Ahrens

Trump - Ein Jahr nach den Präsidentschafts-Wahlen in den USA
Die starke Zuneigung, die Trumps Wähler für ihren Präsidenten hegen, ist für deutsche Beobachter manchmal schwer zu verstehen. Sie erkennen nicht, was Trumps Programm vor allem für weiße Arbeiter attraktiv macht. Der sozialkonservative Aspekt spielt hier eine besondere Rolle. Foto: dpa

Wer sich mit dem Konservatismus in den Vereinigten Staaten von Amerika beschäftigen will, der wird feststellen, dass es diesen einen Konservatismus dort schlicht und ergreifend gar nicht gibt. Vielmehr kann man feststellen, dass es verschiedene, sich teilweise einander gar stark widersprechende konservative Strömungen gibt, die sich zwar so manches Mal überlappen und ergänzen, teilweise aber auch einander ausschließen.

So werden sogenannte „Palaeokonservative“, die für eine nicht-interventionistische Außenpolitik stehen, beispielsweise nicht viele Gemeinsamkeiten mit der Denkströmung der „Neokonservativen“ ausweisen können, die bekanntermaßen die sogenannten amerikanischen Werte wie Demokratie, Freiheit und Menschenrechte auch mit militärischen Mitteln zu verbreiten bereit sind oder auch kein Problem darin sehen, für innen- und außenpolitische Anliegen eine höhere Staatsverschuldung in Kauf zu nehmen. Themen, die wiederum den christlichen geprägten „Sozialkonservativen“ wichtig sind, wie die Verhinderung der gleichgeschlechtlichen Ehe oder der Eindämmung der Abtreibung, dürften dafür wieder bei letzteren nicht ganz oben auf der Prioritätenliste stehen.

Trump hat Republikaner revolutioniert

Schmelztiegel all dieser und noch so manch anderer konservativer Strömungen ist in Amerika bekanntermaßen die Republikanische Partei – eine Partei, die sich zwar seit der „Trump Revolution“ in eine wirtschaftsnationalistische Partei gewandelt hat, aber dennoch auch in Zeiten von Präsident Donald Trump (oder möglicherweise gerade deswegen) sich ökonomisch-politischer Prinzipien wie niedrigen Steuersätzen, der Stärkung freiem Unternehmertums, der Hinwendung zu den christlichen Konfessionen oder einem hohen Militärbudget weiterhin verpflichtet sieht; also Prinzipien, über die zwischen den verschiedenen konservativen Denkrichtungen weitgehender Konsens herrscht. Und während nicht wenige Anhänger der republikanischen Parteibasis beispielsweise über die neuen, restriktiveren Abtreibungsgesetze in US-Bundesstaaten wie Alabama frohlocken, betonte Donald Trump auf Twitter, dass er als „entschiedener Abtreibungsgegner“ (Trump) dennoch im Falle von Vergewaltigung, Inzest oder bei Lebensgefahr der werdenden Mutter Abtreibungen für vertretbar halte. Eine Position, die er, so Trump, mit dem früheren US-Präsidenten und Republikaner-Idol Ronald Reagan teile – und über die sein eigener Vize Mike Pence, ein bekennender „Sozialkonservativer“, möglicherweise anderer Meinung ist.

Trotz nicht unerheblicher Nuancierungen innerhalb des konservativen Lagers gelten Konservative beinahe jeglicher Couleur in linken Kreisen unisono als Vertreter des Leibhaftigen – und umgekehrt. Dass die Vereinigten Staaten trotz boomender Konjunktur und der niedrigsten Arbeitslosenquote seit 1969 ein innerlich zutiefst gespaltenes Land sind, ist bekannt. Aber selbst in diesen Zeiten gibt es in Amerika Personen, die trotz ihres klaren Bekenntnisses der Zugehörigkeit zu einer Partei (in diesem Fall der republikanischen) und konservativen politischen Ansichten weit über die eigenen Parteigrenzen hinaus Anerkennung erfährt – und sogar als politischer Kommentator für CNN und die New York Times wirken können. Die Rede ist von J.D. Vance, einem 35-jährigen Autor und Kapitalmanager. Und womit er überparteilich punktet, ist erstaunlich.

Seine Lebensgeschichte fasziniert nicht wenige Menschen in den USA: Aus Unterschichtsverhältnissen in Middletown, Ohio stammend, hineingeboren in eine Familie voller Arbeitslosigkeit, Armut, Gewalt und Verzweiflung, wuchs er im sogenannten „Rostgürtel“ von Amerika auf, dem Industriegebiet, das heute – weil dort kaum noch etwas produziert wird – zu den darbenden Regionen der Vereinigten Staaten gehört; seine eigentliche Heimat sind die Appalachen, das bewaldete Mittelgebirge der Vereinigten Staaten. Vance ist aufgrund seiner Herkunft das, was man einen „Hillbilly“ nennt oder als „White Trash“ bezeichnet. Nachdem seine heroinabhängige, insgesamt fünfmal verheiratete Mutter als Erziehungsberechtigte komplett ausfiel nahm sich dessen Großmutter „Mamaw“ (eine kettenrauchende, Gewehre liebende und in die Kirche gehende Frau) seiner an und brachte Liebe, Struktur und Ordnung in sein Leben. Dank ihrer Hilfe und ihrem Vorbild schaffte er seinen Schulabschluss, ging für rund vier Jahre zu den US-Marines und absolvierte schließlich die renommierte Yale Law School.

Er arbeitete danach im Silicon Valley für den deutsch-amerikanischen Investor und Trump-Berater Peter Thiel als Kapitalmanager und veröffentlichte (mit knapp 32 Jahren) im Juni 2016 seine Lebensgeschichte in Form der Autobiographie „Hillbilly Elegy“. Nach einem Interview mit dem amerikanischen Publizisten und orthodoxen Christen Rod Dreher („Die Benedikt Option“) für die Online-Ausgabe des Magazins „The American Conservative“ entwickelte sich „Hillbilly Elegy“ knapp zwei Monate später zu einem unerwartet großen Bestseller – gegenwärtig sind rund 800 000 Exemplare verkauft. Und obwohl das Buch noch vor der Präsidentenwahl 2016 erschien, gilt es aufgrund seiner mitfühlenden, aber nicht unkritischen Betrachtung der weißen amerikanischen Unterschicht vielen als wichtige Erklärung dafür, warum Donald Trump schließlich im November desselben Jahres als Sieger vom Platz ging: eben weil dieser es vermochte, jene sehr unglücklichen Menschen anzusprechen, die das Gefühl haben, dass die politische Klasse sie verraten habe. Gegenwärtig wird „Hillbilly Elegy“ von Oscar-Preisträger Ron Howard („Apollo 13“, „A Beautiful Mind“) unter anderem mit Glenn Close und Amy Adams für Netflix verfilmt – allein für den Erwerb der Buchrechte gab der US-Streaminganbieter 45 Millionen US-Dollar aus.

Seine Lebensgeschichte und politischen Ansichten haben Vance in den USA zu so etwas wie dem Vertreter eines – für amerikanische Verhältnisse doch eher ungewöhnlichen – „sozialen Konservatismus“ werden lassen (nicht im Sinne des gleichnamigen „Sozialkonservatismus“). Über ein Programm beziehungsweise eine regelrechte Weltanschauung verfügt J.D. Vance zwar nicht – seine Ansichten und Maximen, die er in Interviews, Reden und Kommentaren äußert, gewinnt er weniger aus Theoriebildung, sondern vielmehr aus eigenen Beobachtungen, die er im Laufe seines eigenen, noch jungen Lebens gemacht hat und das ihn aus bitterster Armut und Asozialität bis ins amerikanische Establishment führte. So bejaht er gängige US-konservative Ansichten wie die Stärkung und Förderung kinderreicher Familien sowie eines pietistischen Arbeitsethos', außerdem stimmt er vorsichtig der wirtschaftsnationalistischen Politik Donald Trumps zu (den er nach eigenem Bekenntnis 2016 nicht gewählt hat, sondern stattdessen Evan McMullin, den konservativen Unabhängigen).

Lebenserfahrung statt Theorie

Gleichzeitig tritt er als ehemaliger Marine und Irakkriegsveteran jedoch für eine nicht-interventionistische Außenpolitik ein sowie für eine klare Hinwendung der Republikanischen Partei zu den „kleinen Leuten“, die diese als ihre Hauptwähler begreifen sollten. Ihm persönlich seien die Republikaner zu sehr gedanklich in den 1980er Jahren und einer einseitigen „Trickle Down Economics“-Politik verhaftet, sagte Vance in einem Interview mit der „Financial Times“ 2017, da diese beinahe ausschließlich auf Steuersenkungen für Wohlhabende setze und dadurch sich die Schaffung von Arbeitsplätzen erhoffe – ansonsten gelte es einfach aufs College zu gehen, fleißig zu sein und hart zu arbeiten, dann werde man es schon zu etwas bringen. Dieses sieht Vance aus eigener Erfahrung komplett anders: Viele seiner eigenen Familienangehörigen haben ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet, härter als er selbst es bei anderen, privilegierteren Menschen erlebt habe – und dennoch waren ihre Bemühungen nach Aufstieg zum Scheitern verurteilt. Im Hinblick auf seine eigene Lebensgeschichte tritt er auch gegen eine pauschale Ablehnung des „Big Government“-Gedankens unter US-Konservativen ein und betont, dass es oftmals ein Mix aus Personen, staatlichen Institutionen und Einrichtungen und sozialen Programmen sein kann, der Menschen zu einem besseren Leben verhilft. Im Sinne des amerikanisch-pragmatischen „whatever works“ wendet sich Vance gegen Denkverbote, ideologische Scheuklappen und gewissermaßen zu einen Weg, der letztendlich das scheinbar Beste aus den verschiedenen konservativen Strömungen zum Wohle der arbeitenden Bevölkerung vereinigt. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt stellen Vances Ansichten mit Sicherheit eine Minderheitenposition innerhalb der sich gerade Donald Trump unterworfenen „Grand Old Party“ dar – aber möglicherweise ergeben diese für die Nach-Trump-Zeit der Republikaner eine nicht ganz aussichtslose Perspektive.

Das zeigt sich unter anderem daran, dass J.D. Vance bereits jetzt von der eigenen Partei stark umworben wird: Zweimal erhielt er vor den Senats- und Kongresswahlen im Herbst 2018 das Angebot, für den US-Senat zu kandidieren – und beide Male lehnte er ab. Stattdessen zog er mit seiner Frau und dem gemeinsamen Kind zurück von Kalifornien in seinen Heimatstaat Ohio, gründete dort eine Non-Profit-Organisation, die den dort zahlreichen Opiat-Abhängigen unter die Arme greift und arbeitet mit AOL-Mitbegründer Steve Case in dessen Risikokapitalfirma Revolution, die es sich mit ihrem Programm „Rise of the Rest“ zum Ziel gesetzt hat, Firmen und Start-Ups weg vom überteuerten Silicon Valley in den Rostgürtelstaaten der USA anzusiedeln und somit auch Jobs für Nicht-College-Absolventen entstehen zu lassen. Und als wäre das nicht noch genug, ist J.D. Vance gegenwärtig auch dabei, zum Katholizismus zu konvertieren – und ein Buch mit dem Titel „Christianity and Social Capital“ auf den Weg zu bringen. Vance weiß: Vor den Ruhm haben die Götter den Schweiß gesetzt – und er bevorzugt scheinbar eher den schwereren Weg als den leichteren. Damit, dass ihm bei bereits jetzt immer wieder „Run for President!“ zugerufen wird, wird er trotzdem gut leben können.