Kommt nun die Hungerrevolte?

Wenn Ägyptens regierender Militärrat die wirtschaftlichen Nöte nicht rasch wendet, drohen neue Aufstände und der Ruf nach einem neuen „Pharao“. Von Stephan Baier

Ein Blick auf das Christenviertel von Manshiet Nasser: Ziegen und Satelliten-Schüsseln auf den Dächern der größten „informellen Siedlung“ Kairos. Foto: Baier
Ein Blick auf das Christenviertel von Manshiet Nasser: Ziegen und Satelliten-Schüsseln auf den Dächern der größten „info... Foto: Baier

Hühner, Tauben und Kaninchen: tot oder auch lebendig. Daneben Berge von Oliven, Gemüse in allen natürlichen und unnatürlichen Farben, Tröge voll Innereien, Wagenladungen von frischem Knoblauch. Vor rußigen, engen, lichtarmen Geschäften sitzen Männer zeitvergessen auf Plastikstühlen, trinken stark gesüßten Schwarztee und rauchen Wasserpfeife. Gleich daneben wuseln junge Händler, verhökern kitschige Babywäsche und Revolution-Hemden. Schwarze Ganzkörperschleier im saudischen Stil neben lächerlich neonfarbenen Negligés. Die Verkäufer spritzen ab und zu ein paar Wassertropfen auf das rohe Fleisch und die Fische, um die Fliegen zu vertreiben.

Die islamische Altstadt von Kairo mit ihren engen, lebendigen Gassen ist voller optischer und akustischer Reize, voller Gerüche zumal. Über die holprigen, staubigen Straßen fließt ein scheinbar unaufhörlicher Strom von Menschen, vorbei an jahrhundertealten Häusern, an Moscheen, die ein Jahrtausend Geschichte gesehen haben.

Wo es die Straßenbreite zulässt, bahnen sich alte, verbeulte Autos hupend einen Weg durch die quirlige Menge. Bis zum Ende des Freitagsgebets sind viele Geschäfte geschlossen, die Gassen für hiesige Verhältnisse fast menschenleer. Doch dann drängt es aus den Moscheen in den Basar. Die Gebete sind verrichtet, die Geschäfte können beginnen. Als hätte jemand ein Ventil geöffnet, füllt sich jede Straße, jeder Platz nun mit Menschen.

In der Al Ashar-Moschee, dem geistigen Herz der Stadt und des Landes, sind nur noch wenige Beter am Werk. Auf dem Teppichboden liegen Schlafende, sitzen Diskutierende, kauern Koranstudenten. Einer liest am Boden seine Zeitung. Die tausendjährige Glaubensburg, ein Zentrum der sunnitischen Gelehrsamkeit, hat ihre Jünger durch das „Tor der Barbiere“ wieder ausgespuckt – zurück in die Welt des Handelns und des Handels.

Eine Stadt in der Stadt. Doch die islamische Altstadt ist nur eine von vielen Städten in dieser größten Stadt Afrikas, die zugleich die größte Stadt der arabischen Welt ist. Kairo wächst in alle Richtungen, hat die Pyramidenstadt Gizeh auf der anderen Seite des Nils längst einverleibt, breitet sich unkontrolliert und unkontrollierbar immer weiter und weiter aus. Auf 20 oder 22 Millionen Einwohner schätzen die Experten die Bevölkerung dieser Megametropole am Nil. Andere sprechen von 25 Millionen.

El-Qahira, „die Siegreiche“, wie Ägyptens Hauptstadt auf Arabisch heißt, hat ihre eigenen Probleme keineswegs im Griff: Wer in den geschlossenen und bewachten Siedlungen mit Grünanlagen und Pool oder in Nobelvierteln wie Zamalek lebt, kann leicht übersehen, dass eine wachsende Mehrheit der Einwohner unter erbärmlichen Bedingungen lebt. Von „informellen Siedlungen“ sprechen die Stadtplaner und Geografen, wenn sie die Slums der Millionenstadt vorstellen. Illegal wurde hier Haus neben Haus, Stock auf Stock gebaut, zunächst ohne Strom, Wasserversorgung und Abwasserentsorgung.

„Manshiet Nasser“ ist so eine informelle Siedlung, die sich über 1,5 Quadratkilometer erstreckt. 400 000 Menschen leben hier, 50 000 von ihnen sind koptische Christen.

Müllmenschen ohne Zukunftsperspektive

Einem antiken Theater nachempfunden wurde eine riesige koptische Freiluftkirche in den Felsen gehauen. Die ägyptischen Christen haben den Mokattam-Berg im Osten von Kairo immer als einen heiligen Ort verehrt, weil er durch das wundersame Wirken des heiligen Samaan entstanden sein soll. Vielen frommen Kopten begegnet man hier. Die rund 5 000 Freiluftplätze der Kirche werden von den Gläubigen gut genutzt. Ein thronender Christus wurde in den Felsen gemeißelt.

Beim Abstieg vom Berg und auf dem Weg durch das Christenviertel von Manshiet Nasser begegnet man dann vielen frommen Plakaten, Kreuzen und Heiligenbildern. Hier leben die koptischen „Sabalin“, die sogenannten Müllmenschen. Sie sammelten bis vor kurzem rund ein Drittel des Mülls der Metropole, um die organischen Abfälle an ihre Schweine zu verfüttern und die anorganischen der Wiederverwertung zuzuführen. Sie hatten eine Recycling-Quote von 80 Prozent, erläutert der junge deutsche Geograf Sebastian Drabinski. Ein weiteres Drittel des Mülls sei von staatlichen Firmen gesammelt worden: mit einer Recycling-Quote von etwa zwei Prozent. Das letzte Drittel blieb einfach liegen.

So sieht Kairo auch aus, könnte man sagen. Doch es kam noch schlimmer: Im Zug der Schweinegrippe-Hysterie wurden alle Schweine geschlachtet. Die koptischen Müllsammler verloren damit ihre wesentliche Einnahmequelle. Viele gaben das Sammeln ganz auf, andere sammeln nun nur noch für die Wiederverwertung.

Mitten in Manshiet Nasser, über schlammige Wege, entlang an unverputzten Häusern, hinter einem windschiefen Blechtor finden wir ein überraschend sauberes Haus, in dem Recyclingprodukte verkauft werden: Decken, Kopfkissen und Topflappen im ersten Stock, Grußkarten, Briefpapier und Couverts im Erdgeschoss. Schwester Emmanuelle, die als Marie-Madeleine Cinquin in Brüssel zur Welt kam und jahrelang in den Slums von Kairo lebte, hat diese Einrichtung gegründet. Hier finden Menschen Einkommen, Arbeit und Hoffnung, die der Staat nur als Problem sieht.

Fern ist er, der Staat, hier in Manshiet Nasser. Auch wenn mit europäischen Geldern und Hilfen doch noch einige Infrastrukturprojekte diese größte Slum-Siedlung Kairos erreichten, haben die Menschen hier vor allem Angst vor dem Staat: davor, dass ihre illegal errichteten Häuser, auf deren Dächern Ziegen, Hunde und Hühner leben, abgerissen werden. Der Staat macht immer nur Probleme. Gelöst hat er sie selten.

Wie sollte er das auch, in einem Land mit geschätzten 83 Millionen Einwohnern, dessen Bevölkerung derzeit pro Jahr um rund zwei Millionen Menschen wächst? Von einer „Bevölkerungsexplosion“ spricht der koptisch-katholische Bischof Antonios Aziz Mina als wir durch die Vorstädte Kairos fahren, die in den vergangenen Jahren aus dem Wüstensand gestampft wurden. In diesem Nichts aus Sand errichtet der Staat geschlossene Städte, saubere Riesensiedlungen mit Shoppingmeile, langweilige Wohnsiedlungen vom Reißbrett.

Ließ sich „der Pharao“ von den Fassaden täuschen?

Mindestens 15 Millionen Ägypter leben in Slums, meint der Vizedirektor der Caritas, Magdy Garas, im Gespräch mit der „Tagespost“ in Kairo. 40 Prozent der Bevölkerung verdienen weniger als drei Dollar täglich. Drei Hoffnungen hätten die „ägyptische Revolution“ getragen: die Hoffnung auf politische Freiheit, auf wirtschaftliche Entwicklung und auf soziale Gerechtigkeit, sagt Garas. Von alledem ist Ägypten nach 30 Jahren Mubarak weit entfernt.

In einem zentralistischen Staat wie Ägypten richten sich alle Hoffnungen und aller Zorn stets auf den Mann an der Spitze. War es denn vorstellbar, dass Mubarak vom alltäglichen Terror, von den Folterungen bei Verhören, von den Machtdemonstrationen des Innenministers, von der alles erstickenden und alles beherrschenden Korruption im Lande nichts wusste? Hatte sich „der Pharao“ von den für seine Ausfahrten stets frisch gewaschenen Straßen und frisch gestrichenen Hausfassaden wirklich täuschen lassen? Wusste er nicht um die tagtäglichen Schikanen, Erpressungen und Demütigungen, um Armut und Elend breiter Massen?

Ägyptens Bevölkerung ist jung: Mindestens die Hälfte der Einwohner ist jünger als 25 Jahre, ein gutes Drittel sogar jünger als 15 Jahre. Sie alle haben nie etwas anderes erlebt als das System Mubarak. Immer schon hatte er geherrscht. Und dann plötzlich, nach ein paar Demonstrationen, ein paar Hundert Toten, ein paar blutigen Zusammenstößen stürzte der Autokrat, wurde der verhasste Innenminister ins Gefängnis geworfen, wurde Untersuchungshaft über den Ex-Präsidenten verhängt, wurde Mubaraks allzeit herrschende „Nationaldemokratische Partei“ vom Hohen Verwaltungsgericht für aufgelöst erklärt. Und wieder richten sich alle Hoffnungen und aller Zorn auf die gerade Herrschenden: auf den Obersten Militärrat und seinen Vorsitzenden, Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi.

Gerade die ärmeren Ägypter hätten viele Kinder, berichtet der Priester Benjamin Morgan, der selbst nur zwei Kinder hat. Die Muslime hätten mehr Kinder, „auch können sie bis zu vier Frauen haben und sich scheiden lassen“, empört sich der koptisch-orthodoxe Geistliche. „Aber die meisten Muslime leben so wie wir: mit einer Frau ein Leben lang.“ Dennoch: die Bevölkerung wächst weiterhin schnell.

Die Lebensmittelpreise steigen steil an, auch jene für die Grundnahrungsmittel. Die Wirtschaft ist in einer tiefen Krise, der ökonomisch lebensnotwendige Tourismus seit Jahresbeginn weitgehend zusammengebrochen. Als die Börse von Kairo Anfang April kurz geöffnet wurde, stürzte das Ägyptische Pfund dramatisch ab. Alle Importe werden dadurch sehr teuer. Bisher waren auf dem Tahrir-Platz in Kairo die „Generation Facebook“, Jugendliche der Mittel- und Oberschicht, und die verschiedenen muslimischen Gruppen zu sehen. Was aber, wenn die Masse der Analphabeten und Armen auf die Straße getrieben wird?

Wenn die Preise weiter steigen und nicht bald eine Lösung für die Probleme der inneren Sicherheit gefunden wird, dann wächst die Gefahr von Hungerrevolten, meint auch der junge Kopte Philip Hanna, der in Kairo für das Goethe-Institut tätig ist. Zwei bis drei Monate habe der regierende Militärrat wohl allenfalls Zeit zu handeln. Wenn einmal der Hunger die Massen auf die Straße treibt, dann wird aus Ägyptens „weißer Revolution“ möglicherweise rasch eine sehr blutige Revolution. Oder, wie manche fürchten, eine blutige Konterrevolution. Denn zunehmende soziale Spannungen und die Suche nach Schuldigen an der wirtschaftlichen Misere könnten rasch den Ruf nach einem starken Mann, nach einem neuen „Pharao“, laut werden lassen.