Kommentar

Noch unausgewogen. Von Richard Schütze

„Die Sendung der Finanzwirtschaft“ bestehe darin, „der Realwirtschaft zu dienen“ und „mit moralisch legitimen Mitteln Werte zu schaffen“, damit „ein nützlicher Kreislauf des Reichtums entstehen kann“, betont die Kongregation für die Glaubenslehre in einem neuen Papier zur Ethik des „gegenwärtigen Finanzwirtschaftssystems“ (siehe dazu auch S. 28). Dank Globalisierung und Digitalisierung sei der Markt heute mit einem „großen Organismus“ vergleichbar, „durch dessen Venen wie ein ‚Lebenssaft‘ gewaltige Mengen von Kapital“ fließen. Märkte regulierten sich aber nicht von selbst; Währungsspekulation, manipulierte Zinssätze, Hochfrequenzhandel und komplexe Finanzprodukte wie Derivate würden der Menschenwürde und dem Gemeinwohl widersprechen, seien strikt unmoralisch und hätten zu Finanz- und Systemkrisen geführt. Dies müsse strikt reguliert und hart sanktioniert werden. Einflussreiche Finanzakteure und finanzwirtschaftliche Netzwerke übten zudem politischen Druck aus und untergrüben die Zivilgesellschaft. Es gelte, neue Wirtschafts- und Finanzsysteme zu etablieren. Soweit eine auch anderswo schon geübte Kritik an Intransparenz, bloßer Profitgier und Machtballung. Sicher gilt es, die Tugenden eines ehrbaren Kaufmanns und christlich inspirierte Sozialprinzipien wie Subsidiarität und Solidarität nicht nur in Business Schools bewusst zu machen. Verkäufer von Finanzprodukten könnten – wie Lebensmittelhersteller – zu noch mehr Transparenz verpflichtet werden.Eine neue Wirtschaftsordnung braucht es aber nicht. Denn auch eine vornehmlich soziale Betrachtung darf nicht die Gefährdung der Freiheit durch supranationale Finanzbehörden, Fehlanreize setzende politische Regulierungen, eine hemmungslose Staatsverschuldung (wie gerade in Italien) oder die Macht von Diktaturen ignorieren. Dem Eindruck einer angeblich zunehmenden Verelendung breiter Schichten widerspricht auch, dass sich der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung in den letzten 20 Jahren halbiert, während die Menschheit sich verdoppelt hat. Noch ist das Papier unausgewogen und bedarf mehr Sachverstand.