Kommentar

Komplexe Wirklichkeit. Von Stefan Meetschen

Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist komplex. Kaum ein Tag, da man nicht von Messerattacken und anderen brutalen Gewaltverbrechen in Deutschland erfährt. Auch antisemitische Geschehnisse scheinen sich im Land zu häufen: auf der Straße, an Schulen, in den Medien. So sehr, dass inzwischen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel „neue Formen von Antisemitismus“ in der Bundesrepublik anprangert. Im Interview mit einem israelischen Sender sagte sie: „Wir haben jetzt auch neue Phänomene, indem wir Flüchtlinge haben oder Menschen arabischen Ursprungs, die wieder eine andere Form von Antisemitismus ins Land bringen.“ Damit übernimmt sie – wenn auch unausgesprochen – eine gewisse politische Mitverantwortung für das Auftreten dieser Phänomene, denn ohne Willkommenskultur und offene Grenzen wäre diese „andere Form von Antisemitismus“ dem Land und seinen (jüdischen) Bürgern wohl erspart geblieben. Wie komplex die gesellschaftliche Wirklichkeit tatsächlich ist, zeigt aber auch ein Blick auf die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik 2017, den die „Welt am Sonntag“ jetzt, also fast zwei Wochen vor der offiziellen Präsentation durch den Innenminister, gewährt. Demnach wurden im vergangenen Jahr insgesamt 5,76 Millionen Straftaten in der Bundesrepublik ausgeübt – fast zehn Prozent weniger als im Vorjahr. Auch die Zahl der Gewaltdelikte ging um 2,4 Prozent zurück. Heißt dies, das Leben in Deutschland ist im Zuge der Flüchtlingskrise gar nicht so bedrohlich geworden, wie es von Merkels politischen Gegnern oft behauptet wird? Ist doch nicht alles so aus den staatlichen Fugen, wie manche fürchten? Eine Unterscheidung von Gewaltdelikten und Gewalttätigkeit, die sich laut Experten durchaus gegensätzlich entwickeln können, ist wohl angebracht. Und, wie bei jeder Statistik, empfiehlt sich eine ruhige Analyse der vollständigen Zahlen – jenseits von Hektik, Panikmache oder Beschwichtigung.