Berlin

Kommentar um "5 vor 12": Merz ist kein Messias

Wenn falsche Erwartungen nicht erfüllt werden, könnte am Ende für die Union kein Aufbruch, sondern der totale Kollaps stehen.

Kandidiert Friedrich Merz?
Kandidiert er, oder kandidiert er nicht? Noch hat sich Friedrich Merz nicht entschieden, ob er abermals ins Rennen um die Kanzlerkandidatur der Union eingreift. Mit den Erwartungen an ihn sollte man in jedem Falle vorsichtig sein. Foto: Christoph Soeder (dpa)

Enttäuscht kann nur derjenige werden, der etwas erwartet. Von Friedrich Merz wird im Moment ziemlich viel erwartet. In erster Linie natürlich von seinen Parteifreunden, aber auch darüber hinaus. Zuerst zu den Baustellen in der CDU: Einer programmatisch ausgezehrten Union soll er neues Profil verleihen. Aber was heiß programmatische Profilierung überhaupt? Die Wünsche sind je nach Parteiflügel durchaus unterschiedlich: Die Konservativen wollen mehr "Law and Order", eine härtere Migrationspolitik und einen offensiveren Patriotismus. Sie hoffen, dass sich Merz als eine Art Mini-Orbàn entpuppt. Die Wirtschaftsliberalen sehen in ihm einen neuen Ludwig Erhard, einen Gralshüter marktwirtschaftlicher Ordnungspolitik.

Merz' Positionen zu vielen Themen unbekannt

Und dann gibt es auch noch Träume bei den aktiven Christen: Könnte Merz in der Union nicht vielleicht auch für mehr Sensibilität  für Lebensschutz sorgen? Reiht er sich gar irgendwann einmal, so wie Trump in Washington, beim "Marsch für das Leben" ein? Friedrich Merz ist nicht Viktor Orbàn, er ist nicht Ludwig Erhard, auch nicht Donald Trump und schon gar nicht eine Mischung von allein Dreien. Friedrich Merz ist Friedrich Merz. Und wenn wir ehrlich sind, kennen wir seine Position zu vielen Punkten überhaupt nicht. Stellvertretend seien nur die Themen genannt, die für Christen aktuell von besonderer Bedeutung sind: Wie denkt er über die sogenannte "Ehe für alle", was hält er von der Widerspruchsregelung bei der Organspende, ist er für das Werbeverbot bei Abtreibungen?

Was für die Union im Besonderen gilt, lässt sich auch für die deutsche Öffentlichkeit sagen: Auch sie weiß nicht wofür Merz tatsächlich steht. Trotzdem hat er gute Umfragewerte. Das hängt weniger mit konkreten inhaltlichen Aussagen zusammen, sondern mit der Art und Weise wie Merz auftritt. Politik im Merz-Modus bedeutet:: geschliffene Rhetorik, Lust am Argument, offensiver Politikstil. Kurz: Klare Kante statt Raute. Die Leute sind den Merkel-Stil endgültig leid. Und Merz ist ja tatsächlich von seinem ganzen Habitus her das Gegenbild zur Kanzlerin. Und in der Tat: Wenn Merz mit seiner Kandidatur nur das erreichen würde und der politischen Kultur eine Frischzellenkultur verschafft, es wäre eine große Leistung.

Vorsichtige Distanz zur Werte-Union

Was aber klar sein muss: Merz kann nicht alle Erwartungen erfüllen, die auf ihn projiziert werden. Merz ist kein Messias. Für die Erfüllung ihrer politischen Ziele müssen die einzelnen Polit-Flügel schon selbst streiten. Ein erste Enttäuschung musste nun schon die Werte-Union einstecken, hat sich doch Merz gestern abend vorsichtig von ihr distanziert - beim letzten Parteitag stellte er sich noch zum Gruppenfoto auf. Spannend wird nun sein, was solche Enttäuschungen bei leidenschaftlichen Merz-Jüngern für Frustrationen auslöst. Unter Umständen  könnte am Ende für die Union dann kein Aufbruch, sondern der totale Kollaps stehen.

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