Kommentar: Zwei gegen den Strom

Von Guido Horst

Guido Horst
Guido Horst. Foto: DT

Indem Kardinal Gerhard Müller im EWTN-Interview (siehe Seite 4) die Rückkehr des Vatikans zu „altem höfischen Gebaren“ beklagt, übt er direkt Kritik am Papst. Denn Franziskus – und darum geht es dem Glaubenspräfekten – war es schließlich, der höchstpersönlich drei Mitarbeiter Müllers ohne Angabe von Gründen aus Rom weggeschickt hat. Auch ansonsten spricht der Kardinal Klartext und scheint sich nicht davor zu fürchten, dass der Papst seine Amtszeit als Präfekt der Glaubenskongregation ja sehr bald vorzeitig beenden könnte. Zu „Amoris laetitia“ und den unterschiedlichen Interpretationen dieses im entscheidenden Punkt nicht eindeutigen Pastoralschreibens durch die verschiedenen Bischofskonferenzen, zur Einigung mit der Pius-Bruderschaft, zur Diakoninnenweihe und zu anderem formuliert Müller Standpunkte, die sich nicht stromlinienförmig an die Vorgaben des Papstes anpassen. Nur noch ein anderer Kurienkardinal passt sich nicht der Franziskus-Linie an, der die Theologie nicht so Im Vordergrund steht und für die eher pastorale Aspekte wichtig sind: Die Hirten sollen den Geruch der Schafe haben, Priester sollen den Beichtstuhl nicht zur Folterkammer machen (tun sie das überhaupt?), man solle an die Peripherien gehen und sich um Kranke und Arme kümmern (ist das neu?). Dieser andere Kurienkardinal ist Robert Sarah, der seine Sorgen vorsichtiger äußert, aber mit seiner Diagnose des Verlusts des Sakralen in der Liturgie und der Kirche insgesamt nun wirklich ans Eingemachte geht.

Müller und Sarah sind die einzigen ein Kurienamt ausübenden Kardinäle, die sagen, was sie denken. Ansonsten herrscht im Vatikan eher Stille. Und man muss sich fragen, ob da nicht zwei dem Ausdruck verleihen, was viele denken, aber nicht offen zu sagen wagen. In diesem Pontifikat scheinen diejenigen im Inneren zu leiden, denen Lehre und Liturgie am Herzen liegen und die meinen, mitansehen zu müssen, wie sich Missstände verfestigen. Immerhin: Müller und Sarah reden offen – mehr aber können sie derzeit offensichtlich nicht tun.

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