Kommentar: Wir können auch ethisch forschen

Eine mitreißende, persönlich integre und über moralische Zweifel erhabene Identifikationsfigur fehlt der deutschen Stammzellforschung. Eine Person, die ebenso über ein glänzendes wissenschaftliches Renommee verfügt wie über ein umfassend gebildetes Gewissen. Eine, die ihren Kollegen zuriefe: „Ja, wir können ethisch akzeptabel forschen.“ Zumindest hat sie sich – sollte es sie geben – noch nicht zu erkennen gegeben. Auch auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Stammzellforschung (GSZ), deren Mitglieder noch bis Sonntag in Lübeck tagen, war sie nicht zu finden. An naturwissenschaftlicher Expertise herrschte dort kein Mangel. Wer sich damit zufriedengibt, wurde in Lübeck also bestens bedient. Wer dagegen erhofft hatte, deutsche Forscher könnten in Lübeck mit derselben Leidenschaft, mit der sie dort ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse referierten, auch nach moralisch akzeptablen Lösungen suchen – einfach weil ihr ethischer Kompass einwandfrei funktioniert – wurde enttäuscht. Statt moralisch hoch stehender Gesinnung machte der GSZ-Vorsitzende Jürgen Hescheler eine „Goldgräberstimmung“ in den deutschen Labors aus. Dort wird – als hätte man nie etwas anderes gewollt – längst überwiegend mit induzierten pluripotenten Stammzellen (IPS) experimentiert. Aus den aus einfachen Körperzellen reprogrammierten IPS-Zellen züchten Forscher längst erfolgreich viele spezifische Gewebezellen wie Nerven-, Herz- oder Knorpelzellen. Beschritten wurde dieser Weg in Deutschland jedoch erst, nachdem die Kritik an der Tötung von menschlichen Embryonen, mit deren Zellen die Forscher zunächst arbeiten wollten, nicht verstummen wollte. Fortschritte macht auch die ethisch unproblematische Forschung mit Stammzellen aus Nabelschnurblut. In dieser Woche meldete die Universität Erlangen erstmals die erfolgreiche Therapie einer erwachsenen Krebspatientin mit solchen Zellen. Soweit ist man mit IPS-Zellen noch lange nicht. Doch sollte demnächst auch bei den IPS-Forschern die Kasse klingeln, dann wissen sie ja, bei wem sie sich bedanken können.