Kommentar: Wende in der Syrien-Strategie

Von Stephan Baier

Er sei „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. So stellt sich in Goethes Meisterwerk Mephistopheles bei Faust vor. Von Washingtons Orient-Politik kann man umgekehrt sagen: Was immer sie an Gutem intendiert haben mag, brachte sie unendlich mehr Böses hervor. Saddam Hussein war ein brutaler Diktator, doch durch seinen Sturz erblühte im Irak weder Demokratie noch Freiheit, sondern Terror, Kriminalität, Chaos und Radikalisierung. Baschar al-Assad ist vom anfänglichen Reformer zum harten Diktator mutiert, doch die vom Westen und seinen Verbündeten in Ankara und Riad betriebenen Versuche, ihn zu stürzen, führten zu einem brutalen Krieg, zur größten Flucht- und Vertreibungswelle dieses Jahrhunderts, zu Leid und Tod. Längst ist die Fama vom „syrischen Bürgerkrieg“ widerlegt. Selbst der US-Geheimdienst CIA räumt heute ein, dass allein für den „Islamischen Staat“ (IS) 20 000 Kämpfer aus 90 Ländern marschieren. Der Konflikt wurde von außen geschürt, und nun kämpfen Dschihadisten aus aller Herren Länder in zahllosen Anti-Assad-Gruppen in Syrien.

Statt zu gestehen, dass Washington im Krieg um Syrien mit falschen Verbündeten und falschen Mitteln unerreichbaren Zielen nachjagte, statt einzuräumen, dass der Westen diesen Krieg weder gewinnen noch „ausbluten lassen“ kann, statt zuzugeben, dass Assad nicht besiegbar ist und seine erfolgreichsten Widersacher kein Teil der Lösung sein dürfen, versucht John Kerry die Kehrtwende in Amerikas Syrien-Strategie zu verschleiern. Kerry will angesichts des IS-Terrors in Syrien nun, was er vier Jahre lang ablehnte: mit Assad verhandeln; weil sogar Washington endlich einsieht, dass es in diesem Krieg eine politische Lösung geben muss, nachdem die humanitäre wie die politische Lage in vier Kriegsjahren stets schlechter, nie besser wurde. Die USA ließen sich von Saudi-Arabien instrumentalisieren für den Kampf gegen einen schiitischen Halbmond vom Westen Afghanistans bis zum Mittelmeer. Beide sind jetzt gescheitert. Den Preis dafür jedoch zahlen Millionen vertriebene, vergewaltigte und entrechtete Menschen in der Region.