Kommentar: Versöhnung mit der Geschichte

Von Stephan Baier

Den Ersten Weltkrieg haben wir noch lange nicht bewältigt, jenen historischen Umbruch, in dem die damals als modern geltenden Ideologien die alten Throne stürzten und alte Reiche zertrümmerten: Der „moderne“ Nationalismus siegte über Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich, zwei multireligiöse und multiethnische Staaten, deren Herrscher ihr Fundament im Religiösen suchten; der „moderne“ Kommunismus siegte über das russische Zarenreich. Nationalismus und Kommunismus begannen, Russland, Europa und den Orient in Blut und Tränen zu tauchen. Mit ihrem Siegeszug vor einem Jahrhundert begann ein Trauermarsch für Europa wie für Nahost.

Still und heimlich hat sich Österreich am Donnerstag daran gemacht, zumindest ein klein wenig den Ersten Weltkrieg und seine Folgen zu bewältigen. Das Parlament in Wien änderte das Wahlrecht, das bislang Angehörigen ehemals regierender Häuser verbietet, für das höchste Staatsamt zu kandidieren. Ein skurriles Gesetz, geboren aus einem Minderwertigkeitskomplex der Ersten Republik, die fürchtete, Kaiser Karls Erstgeborener könne sich die Herrschaft auf demokratischem Wege zurückholen. Irrational groß waren die Ängste vor einer Restauration. Dass Österreich mit Otto von Habsburg schlechter gefahren wäre als mit den Gestalten, die tatsächlich regierten und amtierten, ist heute kaum argumentierbar. Dass österreichische Staatsbürger nicht für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren dürfen, wenn sie als Habsburger geboren werden oder in diese Familie einheiraten, ist eine Form von Sippenhaftung, die einem Rechtsstaat schlecht zu Gesicht steht. Darum ist die Aufhebung dieses anachronistischen Wahlverbots zu begrüßen, auch wenn nun kein Habsburger in die Hofburg drängt. Psychologisch geht es nämlich weniger um die Rechte der Habsburger oder um eine Aussöhnung der Republik mit den Nachkommen des letzten regierenden Kaisers. Es geht um eine Aussöhnung Österreichs mit seiner eigenen Geschichte, die weniger dunkel war, als die Habsburg-Hasser des vergangenen Jahrhunderts meinten.