Kommentar: Ungewöhnlicher Schritt

Von Michael Stallknecht

Es waren bisher ausschließlich Theologen und Wissenschaftler an die Theologie angrenzender Gebiete, die den seit 2011 vergebenen Joseph-Ratzinger-Preis erhalten haben. Dass die Fondazione Vaticana Joseph Ratzinger – Benedetto XVI. in diesem Jahr neben dem katholischen Theologen Karl-Heinz Menke und seinem evangelischen Kollegen Theodor Dieter erstmals auch einen Komponisten ehrt, ist ein ungewöhnlicher Schritt, der auch die Wertschätzung des emeritierten Papstes für Arvo Pärt abbildet.

Mit der Liebe zu dem 1935 geborenen estnischen Komponisten steht Benedikt XVI. dabei keineswegs allein. Arvo Pärt ist der wahrscheinlich meistgespielte unter den lebenden klassischen Komponisten – und das, obwohl sich seine Musik vorwiegend den tradierten Texten der verschiedenen christlichen Konfessionen widmet, die Pärt häufig in ihrer klassischen lateinischen Version vertont. Wohl nicht zufällig fielen bei Pärt in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Konversion zum russisch-orthodoxen Glauben und die Selbstfindung als Komponist zusammen. Aus einer tiefen persönlichen Krise heraus entwickelte er den Stil, den er – nach dem lateinischen Wort für Glöckchen – „Tintinnabuli“ nennt: eine asketische, auf einfachsten Parametern aufbauende Klangwelt, mit der sich Pärt in einem Ideal christlicher Demut noch einmal den in der Musikgeschichte tausendfach vertonten Texten nähert. Die melodisch fortschreitende Stimme verkörpert dabei für ihn die Subjektivität, die umgebenden Dreiklänge die Objektivität. Das Vergängliche bleibt im Ewigen geborgen, das Einzelschicksal Teil einer im Letzten stabilen Welt. Damit entgeht Pärts Musik auf ganz eigentümliche Weise der inneren Dialektik, die die Moderne nicht nur auf dem Gebiet der Musik prägt: der zwischen Progression und Reaktion. Weder sucht sie auf den Bahnen der klassischen Avantgarde nach neuen Klängen, noch sucht sie ihr Heil in der Rückwärtswendung zu bereits bekannten. Sie ist auf der Höhe der Zeit, weil sie immer schon auf der Höhe der Ewigkeit agiert.