Kommentar: Überlebensfrage im Orient

Von Stephan Baier

Stephan Baier. Foto: DT
Stephan Baier. Foto: DT

Ohnmächtig sehen wir dem Wüten der IS-Fanatiker in Syrien und im Irak zu. Während uns täglich neue Horrorbilder erreichen, ringt die Staatenwelt darum, wie sie dem Völkermord an Jesiden und arabischen Christen Einhalt gebieten kann. Der ohnmächtige Zorn über den drohenden Untergang des Christentums im Orient, über eine untätige Weltpolitik und schweigende Autoritäten des Islam machen sich in den sozialen Netzwerken längst aggressiv Luft. Das ist verständlich, aber doch falsch und unklug. Falsch, weil Christen Hass nicht mit Hass beantworten dürfen – und im Gegensatz zu den IS-Fanatikern vom kollektiven Aburteilen ganzer Völker und Religionen Abstand nehmen sollten. Unklug, weil so ausgerechnet jene Stimmen der Vernunft überhört werden, die die Propagandakrieger und islamistischen Massenmörder übertönen wollen. Namhafte islamische Autoritäten haben sich längst klar vom „Islamischen Staat“ und seinem selbsternannten Kalifen distanziert, ja sogar Fatwas gegen IS verhängt.

Dass nun mit dem jordanischen Prinz Said Raad al-Hussein ein Nachfahre Mohammeds neuer UN-Hochkommissar für Menschenrechte wurde und in seiner Antrittsrede ein entschiedenes Vorgehen der Staatengemeinschaft gegen IS forderte, sollte Beachtung finden. IS plane „die Vernichtung all jener Muslime sowie der Christen, Juden und aller anderen, die etwas anderes glauben als sie – insgesamt der Rest der Menschheit“, warnt der Prinz und fordert, die Staatengemeinschaft müsse die Kriegsverbrecher strafrechtlich zur Verantwortung ziehen. Wider die Panikmache vieler Apokalyptiker hat sich die islamische Welt doch nicht geschlossen vom Rechtsempfinden der übrigen Menschheit verabschiedet. Nun müssen die verbliebenen Kräfte der Vernunft, die oft leiser und schwächer sind als die größenwahnsinnigen Terroristen, auch eine Chance erhalten, das inner-islamische Ringen um die Deutungshoheit zu gewinnen. Nur wenn sich in der islamischen Welt Kräfte behaupten können, wie sie heute im Königreich Jordanien regieren, kann das arabische Christentum im Orient überleben.