Kommentar: Subkultur und Doppelmoral

Von Guido Horst

Ein Fall in den Niederlanden bekräftigt jetzt, was ein wissenschaftlicher Bericht in den Vereinigten Staaten vor kurzem erst herausgestellt hatte: Es war die sexuelle Revolution um 1968, die auch viele Kleriker erwischt und die Zahlen des Missbrauchs von Schutzbefohlenen in die Höhe getrieben hatte. Das Outing des 73 Jahre alten pädophilen Salesianer-Paters B. und die Äußerungen des niederländischen Salesianer-Oberen Herman Spronck dazu (siehe Seite 4) lassen einem die Haare zu Berge stehen. Was war nur los in den Klöstern, Seminarien und kirchlichen Kollegien der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre? Da gab jetzt Spronck in einem Interview zu Protokoll, es sei „zu streng“, sexuelle Beziehungen erst ab achtzehn Jahren zulassen zu wollen. Angesprochen auf die Fälle sexuellen Missbrauchs im niederländischen Salesianerkolleg Heerenberg erklärte Spronck, es gebe eine große Gruppe von damaligen Kindern, die „meinen“, dass ihnen Leid zugefügt worden sei: „Aber schauen wir doch einmal genau hin: Nur eine kleine Gruppe hat wirklich gelitten.“ Und am Schluss des Interviews liefert Spronck dann seine „Erklärung“ zu den Vorfällen im Salesianerkolleg. In den fünfziger und sechziger Jahren hätten die Salesianer alle zusammen in Heerenberg gelebt. Alle seien fern von ihrer Familie und nur auf sich selbst angewiesen gewesen. „Erwachsene und Kinder – Frauen waren nicht einmal aus der Ferne zu sehen – lebten zusammen, und so passieren diese Sachen.“

Nicht nur, dass es zum Ideal der Salesianer gehört, sich im christlichen Geist um die Erziehung und Bildung der Jugend zu kümmern. Wie jeder geweihte Priester und Ordensmann verzichten sie auf ein Ausleben ihrer Sexualität. Das schien in der Vergangenheit um die 68er-Jahre herum nicht mehr zu gelten. Das eine ist das krankhafte Verhalten von einzelnen pädophilen Männern im Klerikerstand. Das andere aber ist eine sexuelle Subkultur, die damals hinter „heiligen Mauern“ ihre Verbreitung fand. Dass diese Doppelmoral verheerende Folgen haben musste, liegt auf der Hand.