Kommentar: Startschuss zur Seligsprechung

Von Stefan Meetschen

Stefan Meetschen
Stefan Meetschen. Foto: DT

Unterschiedlicher können potenzielle Kandidaten für eine Seligsprechung eigentlich nicht sein: einerseits der äußerst robuste, zuweilen cholerische Zeitungsjournalist Fritz Gerlich (1883– 1934), der mit polemischer Schärfe und christlicher Klarheit erst gegen den Kommunismus, dann gegen die Nazis Stellung bezog und dafür mit seinem Leben bezahlte – andererseits der schwermütig-sensible Romano Guardini (1885–1968), der nicht nur das „Ende der Neuzeit“ vorweg sah, sondern auch den inneren Zugang der Gläubigen zum liturgischen Geschehen zu erneuern hoffte.

Möglich, dass diese beiden großen katholischen Gestalten des 20. Jahrhunderts in einigen Jahren trotz aller Verschiedenheit zur „Ehre der Altäre“ erhoben werden. Das dafür vorgeschriebene Verfahren wird jedenfalls eingeleitet, wie das zuständige Erzbistum München und Freising Anfang dieser Woche bekannt gegeben hat – am 16. Dezember diesen Jahres findet ein feierlicher Gottesdienst statt, der als Startschuss zur Seligsprechung gelten darf (siehe auch S. 4). Danach wird gesammelt und geprüft, was an Informationen zu Gerlich und Guardini zu bekommen ist. Die Kriterien sind streng, gerade auch, was die Anerkennung eines Wunders betrifft. Gerlich hat es in dieser Hinsicht etwas leichter. Bei einem Märtyrer genügt – auch ohne Wunder – der Nachweis, dass er aufgrund seines Glaubens ermordet wurde. Da sich der Konvertit trotz aller tagespolitischen Polemik nicht scheute, auch publizistisch den römisch-katholischen Glauben zu bekennen, sollte dieser Nachweis – ohne damit dem kirchlichen Urteil vorgreifen zu wollen – möglich sein.

Für die Kirche und die Katholiken in Deutschland ist dieser doppelte Prozess eine Riesenchance. Nicht nur, weil es sich bei Gerlich und Guardini um Persönlichkeiten handelt, welche von ansonsten ziemlich zerstrittenen Glaubens-Milieus gleichermaßen geschätzt werden, auch das Tertium Comparationis der beiden bleibt stets aktuell: Geistige Freiheit setzt eine breite Bildung voraus, diese Bildung ist zudem der beste Schutz vor totalitären Vereinnahmungsversuchen.