Kommentar: Serbien wählt pragmatisch

Von Stephan Baier

Stephan Baier.
Stephan Baier. Foto: DT
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Stephan Baier. Foto: DT

Eine Mehrheit der Serben hat sich bei den Parlamentswahlen am Sonntag für eine pragmatische und gegen eine rein ideologische Politik entschieden. Das ist für serbische Verhältnisse schon eine sehr gute Nachricht. Vojislav Seselj, der Altmeister des großserbischen Rassismus, dessen Geschichtssicht mythologisch verklärt und dessen Blick in die Zukunft ideologisch vernebel ist, landete nur auf dem dritten Platz, während Ministerpräsident Aleksandar Vucic sich weiter auf eine absolute Mehrheit seiner „Fortschrittspartei“ im Parlament stützen kann. Der Kriegsverbrecher Seselj hält an seiner Vision eines ethnisch gesäuberten Großserbien fest, lehnt eine Annäherung an die EU ab und setzt auf Russland als Partner und Schutzmacht Serbiens. Vucic dagegen hat einen EU-Beitritt Serbiens im Jahr 2019 als Ziel ausgegeben. Dass nur mehr rund 13 Prozent der Serben der aus Paranoia und Rassismus gespeisten Vision Großserbiens anhängt, während die Hälfte der Wähler sich für einen pragmatischen Weg entschied, ist ein Zeichen von Normalisierung. Normale Gesellschaften nämlich sind mehr an einem besseren Leben als an ideologischen Utopien interessiert.

Damit ist der Vorrat an guten Nachrichten aus Serbien aber auch schon erschöpft, denn auch Vucic und sein Koalitionspartner, der bisherige Außenminister und Sozialisten-Chef Ivica Dacic, sind alles andere als lupenreine Demokraten. Der heutige und künftige Regierungschef brach erst 2008 mit Seselj und dessen „Radikalen“; der heutige Außenminister war einst ein enger Gefolgsmann und Bewunderer von Slobodan Milosevic. Das könnte man vielleicht als Jugendsünden abtun, doch ganz ohne den Flirt mit dem Nationalismus scheint bis heute kein Politiker in Serbien erfolgreich zu sein. Auch beim vielfach proklamierten Kampf gegen Korruption und organisierte Kriminalität steckt Serbien 16 Jahre nach Milosevics Ende noch immer in den Kinderschuhen. Dass in Umfragen zwei Drittel für einen Pakt mit Russland plädieren und Wladimir Putin populärer ist als Vucic, all das zeigt, dass den Serben auf ihrem steinigen Weg nach Europa durchaus noch die Luft ausgehen könnte.